Dass man Gott versuchen könne, ist vielleicht die absurdeste der vielen absurden Behauptungen, die der Glaube
in die Welt gesetzt hat. Gott den Schöpfer, vor dem, nach der Behauptung eben des Glaubens, Völker sind wie der Tropfen am Eimer,
ihn sollte – wieder mit den Worten dieses Glaubens gesprochen – der Mensch, die Made, und der Menschensohn, der Wurm, versuchen
können! Und wenn auch etwa nicht so sehr dabei an den allmächtigen Schöpfer gedacht wäre, sondern mehr an den Offenbarer, wie
könnte auch von ihm, wenn anders er wirklich der Gott der Liebe ist, vorgestellt werden, daß der Mensch ihn versuchen könne;
müßte dieser Gott da nicht in seiner Liebe beengt sein, und gebunden an das was der Mensch tut, und nicht, wie es wieder doch der
Glaube selbst meint, unbeschränkt frei und nur dem Drang der eigenen
Liebe
folgend? Oder endlich den Erlöser, sollte ihn der Mensch versuchen können? Ihn wohl noch am ehesten. Denn ihm gegenüber hat ja
der Mensch nach der Vorstellung des Glaubens wirklich eine Freiheit, die er als Geschöpf und Kind Gottes nicht hat, die Freiheit
zur Tat oder allermindestens doch die Freiheit zum Entschluß, das Gebet. Aber grade im Gebet nun wiederholen Jude wie Christ ohne
Unterlaß die Bitte: Führe uns nicht in Versuchung! Umgekehrt also wird da grade Gott die doppelte Verleugnung seiner Vorsehung
sowohl wie seiner Vaterliebe zugeschoben. Er selber soll es nun sein, dem man zutraut, daß er sich mit seinem Geschöpf und Kind
das frevle Spiel erlaubt, es zu versuchen
. Wenn also das Gebet wirklich die Gelegenheit wäre, Gott zu versuchen, so wäre dem
Beter diese Gelegenheit immerhin arg eingeschränkt durch die nie schweigende Angst, daß vielleicht, indem er zu versuchen meint,
er selber schon versucht wird. Oder beruhte etwa jene Möglichkeit, Gott zu versuchen, auf der Tatsache,
daß Gott den Menschen versucht? Und wenn anders in jener Möglichkeit – wohlgemerkt: Möglichkeit – sich die Freiheit bekundet, die
der Mensch dem Erlösergott gegenüber wenigstens, wenn auch nicht dem Schöpfer und Offenbarer gegenüber hat – denn zwar geschaffen
wird er ohne seinen Willen, und die Offenbarung wird ihm ohne sein Verdienst, aber erlösen will ihn Gott nicht ohne ihn
–: wenn
anders also sich diese Freiheit des Gebets in der Möglichkeit, Gott zu versuchen, bekundet, wäre dann also etwa die Versuchung
des Menschen durch Gott die notwendige Voraussetzung dieser seiner Freiheit ?
So ist es. Eine rabbinische Legende fabuliert von einem Fluß in fernem Lande, der so fromm sei, daß er am
Sabbat sein Fließen einstelle. Wenn statt des Mains dieser Fluß durch Frankfurt flösse – ohne Zweifel würde die ganze Judenschaft
dort den Sabbat streng halten. Aber Gott tut solche Zeichen nicht. Es graut ihm offenbar vor dem unausbleiblichen Erfolg: daß
dann grade die Unfreisten, die Ängstlichen und Kümmerlichen, die Frömmsten
sein würden. Und Gott will offenbar nur die Freien zu
den Seinen. Um so zwischen den Freien und den Knechtseelen zu scheiden, genügt aber kaum die bloße Unsichtbarkeit seines Waltens;
denn die Ängstlichen sind ängstlich genug, im Zweifel sich lieber auf die Seite zu schlagen, zu der zu halten in jedem Falle
nicht schadet und möglicherweise – mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit sogar nützt. Gott muß also, um die Geister zu scheiden,
nicht bloß nicht nützen, sondern gradezu schaden. Und so bleibt ihm gar nichts übrig: er muß den Menschen versuchen; er muß ihm
nicht bloß sein Walten verbergen, nein er muß ihn darüber täuschen; er muß es dem Menschen schwer, ja unmöglich machen, es zu
sehen, auf daß dieser Gelegenheit habe, ihm wahrhaft, also in Freiheit, zu glauben und zu vertrauen. Und umgekehrt muß auch der
Mensch mit dieser Möglichkeit, daß Gott ihn bloß versuche
, rechnen, damit er immerhin einen Antrieb habe, sich in allen
Anfechtungen sein Vertrauen zu bewahren, und nicht auf die unsterbliche Stimme von Hiobs Weib höre, die ihm zuredet: fluche Gott
und stirb!
Der Mensch muß also wissen, daß er bisweilen versucht wird um seiner Freiheit willen. Er muß lernen, an seine
Freiheit zu glauben. Er muß glauben, daß sie, wenn sonst vielleicht auch überall beschränkt, Gott
gegenüber ohne Grenzen ist. Gottes Gebot selber, gegraben in steinerne Tafeln, es muß ihm, nach einem unübersetzbaren Wortspiel
der Alten, Freiheit auf Tafeln
sein. Alles, heißt es ebenda, alles liegt in Gottes Hand, nur eines nicht: die Furcht Gottes.
Und diese Freiheit, worin soll sie sich kühner bekunden als in der Gewißheit, Gott versuchen zu können? So kommen wirklich im
Gebet von beiden Seiten, von Gottes wie von der Seite des Menschen, die Möglichkeiten des Versuchens zusammen; das Gebet ist
eingespannt zwischen diese zwei Möglichkeiten indem es sich vor Gottes Versuchung fürchtet, weiß es doch in sich die Kraft, Gott
selber zu versuchen.
Aber was ist es mit dieser Kraft des Gebets? Hat also wirklich der Mensch Gewalt über Gott und kann im Gebet dem Schöpfer in den ausgereckten Arm fallen, der Liebe des Offenbarers sein Gesetz auflegen? Unmittelbar doch schwerlich, sonst wäre der Schöpfer nicht Schöpfer, der Offenbarer nicht Offenbarer. Aber anders könnte es sein, insofern das Werk des Schöpfers und die Tat des Offenbarers sich zueinander finden in der Erlösung. Da allerdings könnte es wohl geschehen, daß der Mensch gewalttätig eingriffe in das Walten der göttlichen Macht und Liebe; denn die Erlösung ist ja eben nicht unmittelbar Gottes Werk oder Tat, sondern wie Gott der Schöpfung die Kraft gab, in sich selber lebendig zu wachsen, so befreite er in seiner Liebe die Seele zur Freiheit der Liebestat.
Aber nicht jene Freiheit der Liebestat eigentlich ist es, die in Gottes Walten eingriffe. Sie ist ja selber von Gott gewollt; es ist Gottes Gebot, den Nächsten zu lieben. Sondern wirklich erst in der Beziehung der Liebestat auf jenes wechselnde Leben der Welt, nirgend sonst vorher, steckt die Möglichkeit, Gott zu versuchen. Und diese Beziehung wird hergestellt durch das Gebet, das Gebet schon des einsamen Herzens aus der Not des einsamen Augenblicks. Denn die Tat der Liebe selber ist noch blind, sie weiß nicht, was sie tut, und sie soll es nicht wissen; sie ist rascher als das Wissen; sie tut das Nächste, und was sie tut, dünkt sie das Nächste. Aber das Gebet ist nicht blind, es stellt den Augenblick und in ihm die soeben getane Tat und den grade entschlossenen Willen, Nächst-Vergangenes also und Nächst-Zukünftiges dieses einen einsamen Augenblicks, in das Licht des göttlichen Antlitzes. Es ist Bitte um Erleuchtung. Erleuchte meine Augen – sie sind blind solange die Hände schaffen; den Nächsten und das Nächste macht nicht das suchende Auge ausfindig, sondern die tastende Hand entdeckt ihn, wie er grade vor ihr steht. Die Liebe handelt so, als ob es im Grunde nicht bloß keinen Gott, sondern sogar keine Welt gäbe. Der Nächste vertritt der Liebe alle Welt und verstellt so dem Auge die Aussicht. Aber das Gebet, indem es um Erleuchtung bittet, sieht – zwar nicht am Nächsten vorbei, aber über das Nächste hinweg und sieht, soweit sie ihm erleuchtet wird, die ganze Welt. So befreit es die Liebe von der Gebundenheit an den Tastsinn der Hand und lehrt sie, ihr Nächstes mit den Augen zu suchen. Was ihr bisher unausweichlich als das Nächste schien, wird ihr nun vielleicht ferngerückt, und ganz Ungekanntes erscheint plötzlich nah. Das Gebet stiftet die menschliche Weltordnung.
Die menschliche Weltordnung – aber auch die göttliche? Offenbar hat ja Gott selbst, indem er zwar nur eine Welt schuf, aber sich vielen Menschen schenkt, den Grund dazu gelegt, daß beide Ordnungen nicht ohne weiteres eine sein können. Gegenüber der einen Ordnung des wachsenden Lebens gibt es viele Ordnungen, jeweils vom Hier-stehe-ich der einzelnen gotterweckten Seele aus. Schon weil es viele Ordnungen sind, können sie nicht ohne weiteres eins sein mit der einen göttlichen. Um es zu sein, müßten sie ja erst unter einander eins sein. Und das sind sie nicht, solange eine jede der vielen noch zurückgeht auf ein einsames Gebet einer einsamen Seele. Wohl wird dies Gebet des Einsamen eingefügt in das Gebet der Vielen um das Kommen des Reichs, aber deswegen bleibt der Einsame um nichts weniger in seiner Einsamkeit. Sein eigenes Hier-stehe-ich bleibt ihm der Grund seines Nicht-anders-können, und er kann nur beten, daß Gott ihm helfe; er selbst kommt von der Vereinzeltheit seines Standpunkts, und damit sein Gebet von dem Zwang, eine eigene Weltordnung zu stiften, nicht los.
Was ist nun aber denn für eine Gefahr dabei? Wenn nun auch wirklich das Gebet, indem es dem Beter einen Blick auf die Welt öffnet, sie ihm in besonderer Ordnung zeigt, sollte das irgendwelche Folgen haben für diese eine göttliche Weltordnung selbst? Läge denn etwa im Gebet eine Kraft, die tyrannisch eingreifen könnte in den gottentsprungenen Lauf der Welt von der Schöpfung her? Wenn das Gebet wesentlich nichts weiter ist als Gebet um Erleuchtung und also Erleuchtung auch das Höchste ist, was dem Beter durch die Kraft des Gebets werden kann, wie soll dann wohl das Gebet eingreifen können in den Gang des Geschehens? Die Erleuchtung scheint doch nur dem Beter zu werden, seine Augen werden erleuchtet – was kümmert das die Welt?
Die Erleuchtung freilich braucht sie nicht zu kümmern. Die Erleuchtung unmittelbar wirkt nicht. Das schlechtweg Wirksame ist nicht sie, sondern die Liebe. Die Liebe kann nicht anders als wirken. Es gibt keine Tat der Nächstenliebe, die ins Leere fällt. Grade weil die Tat blind getan wird, muß sie irgendwo als Wirkung zum Vorschein kommen. Irgendwo, ganz unberechenbar wo. Würde sie sehend getan, wie die Zwecktat, dann freilich wäre es möglich, daß sie spurlos unterginge; denn die Zwecktat geht nicht breit, offen, unbedeckt und unbedacht in die Welt, sondern sie ist zugespitzt auf ein bestimmtes gesehenes Ziel, und indem sie den Weg zu diesem Ziel mitsieht und, zweckvoll wie sie ist, ihn mit in ihre Rechnung einrechnen muß, sucht sie, außerdem daß sie sich auf ihr Ziel hin zu-spitzt, auch ihre durch diese Zuspitzung entstandenen langen offenen Flanken zu decken gegen alle etwaigen ablenkenden oder störenden Einflüsse, die sie auf dem Wege voraussehen muß. So wird sie zur zugespitzten, bedachten und bedeckten Tat, und wenn sie überhaupt an ihr Ziel kommt, so mündet sie ein in ihren Erfolg. Ihr weiteres Schicksal ist dann abhängig von dem Schicksal dessen, woran sie Erfolg hatte; stirbt es, so stirbt sie mit ihm. Denn weil sie ihren Weg bis hin zum Ziel, je reinere und vollkommenere Zwecktat sie war, möglichst gedeckt gegangen ist, so ist sie als Tat selbst wirklich ungesehen geblieben, und je reiner zweckvoll, um so gewisser zu ihrem Ziel gelangt, ohne irgendwelche ungewollte Wirkungen unterwegs ausgeübt zu haben.
Ganz anders also die Liebestat. Es ist unwahrscheinlich, daß sie wirklich den Gegenstand erreicht, dem sie zulief. Sie war ja blind, nur ein das nächste ertastendes Gefühl hat ihr Kunde von dem Gegenstand gebracht; sie weiß nicht, wo sie am besten in ihn eindringen mag; sie weiß den Weg nicht. Wie sie sich ihn so blindlings sucht, ohne Deckung, ohne Zuspitzung: was ist wahrscheinlicher, als daß sie den Weg verliert? und daß sie – zwar irgendwo anlangt und infolge ihres breiten Ausströmens sogar bei mehr als einem einzigen Irgendwo, aber ihren ursprünglichen Gegenstand, dem sie zugedacht war, nie zu sehen bekommt.
Vielleicht ist es nicht zu viel gesagt, daß die eigentlichen Wirkungen der Liebe alles Nebenwirkungen
sind. Und ganz ohne solche bleibt sie auf keinen Fall, während diese Freiheit von Nebenwirkungen bei der Zwecktat wohl
vorkommen mag und jedenfalls immer angestrebt wird. Denn jeder Gegenstand hängt so lückenlos zusammen mit andern und
schließlich mit der Unendlichkeit der Gegenstände, daß es einer Tat gar nicht möglich ist, nicht mindestens auf dem Wege zu
ihm auch auf andere Gegenstände zu wirken, – sie müßte denn es gradezu hindern, indem sie, wie eben die Zwecktat, auf dem
kürzesten und heimlichsten Weg hinausgeht. Und wenn unter diesen Gegenständen, die ihre Wirkungen empfangen haben, auch
mancher noch, ja selbst die meisten, den Zoll der Sterblichkeit einmal zahlen mögen, weil sie noch nicht reif waren für die
beseelende Wirkung der Liebe, irgendwie kommt doch durch den lückenlosen Zusammenhang aller Gegenstände die Wirkung auch jenem
Gegenstand zugute, der im Augenblick wirklich der nächste
ist, sei es nun, daß das wirklich der war, den das blind tastende
Gefühl dafür halten mußte, sei es irgend ein anderer; und der ist dann als der wahrhaft nächste reif zur Empfängnis der Seele.
Dieser wahrhaft nächste, für den also alles davon abhängt, daß die Liebe ihn auch wirklich findet, denn er ist in dem
wachsenden Leben der Welt grade so weit getragen, daß für ihn die Zeit, seine Zeit, gekommen ist – dieses Nächste wird auch
immer wirklich gefunden. Es könnte nur in einem Falle nicht gefunden werden: wenn die Liebe, statt als blinde vom Gefühl
geleitete Liebe Schritt für Schritt vom Menschen aus hinauszuströmen, einen ihr in plötzlicher Erleuchtung gezeigten
Gegenstand im Sprung zu erreichen suchte. Denn der Sprung überspringt. Und wäre in dem Übersprungenen das, dessen Zeit grade
gekommen wäre, dann allerdings würde eine Tat der Liebe ins Leere verströmt sein. Denn der Weg rückwärts ist der Weg, den sie,
rücksichts-los
wie sie ist, nie gehen kann. Und diese Gefahr liegt im Gebet.
Das Gebet nämlich, wenn es erleuchtet, zeigt dem Auge das fernste Ziel; aber weil der Beter auf dem bestimmten Stand-Punkt seiner Persönlichkeit steht, so erscheint dies allen gemeinsame fernste Ziel hinter einem Vordergrunde von ganz persönlicher Perspektive, eben der Perspektive dieses Standpunkts. Die Unmittelbarkeit nun, mit der statt der gefühlten Nähe des Nächsten jetzt die gesichtete Ferne des Fernsten erfahren wird – denn sie erscheint nicht dem vom verlangenden Zweckwillen aufgerissenen, sondern dem in der Empfänglichkeit des Gebets erleuchteten Auge – diese Unmittelbarkeit ermöglicht freilich der Liebe, sich unmittelbar auf diesen Gegenstand zu richten. Er ist ihrem erleuchteten Auge so nah wie dem fühlenden Herzen sein Nächster. Aber da ihr in der Erleuchtung zugleich der Weg, und zwar im Gegensatz zu der Allgemeinsamkeit des Ziels ihr persönlicher Weg, erleuchtet wird, so richtet sie sich nun zunächst auf die Stationen dieses Wegs. Und diesen gesichteten Stationen eilt sie nun zu, so rasch wie möglich, jeden Verzug scheuend, ja alle Gefahr im Verzuge wähnend. Das Nächste des Gefühls wird nun übersprungen; die Station, die in der Erleuchtung als die erste am Wege zum Fernsten erkannt ist, tritt nun für jenes Nächste ein; ihr möchte die Liebe im Sprunge zueilen. An Stelle des Nächsten tritt der Liebe das Übernächste. Den Nächsten verdrängt ihr der Übernächste. Sie übersieht und überhört den einen, um in gewaltiggewaltsamem Überspringen den andern zu erreichen. Und weil sie Liebe ist und also immer wirkt, so muß es ihr auch gelingen.
Und so kommt das Gebet, das an sich keine magischen Kräfte hat, dennoch, indem es der Liebe den Weg erleuchtet, zu magischen Wirkungsmöglichkeiten. Es kann in die göttliche Weltordnung eingreifen. Es kann der Liebe die Richtung geben auf etwas, was noch nicht reif zur Liebe, noch nicht reif zum Beseeltwerden ist. Und es kann so, indem es Fernes heranbeschwört, schuld sein, daß der Mensch sein Nächstes, wenigstens insofern es nur sein und keines andern Nächstes ist, vergißt, ja verleugnet und so wenigstens er keinen Rückweg mehr zu seinem Nächsten findet. Indem das Gebet um das Kommen des Reichs Gebet des Einzelnen ist, kommt es in Gefahr, das Übernächste vor dem Nächsten zu bevorzugen. Solche Bevorzugung ist aber in Wahrheit Bevor-zugung, Hervorziehen der zögernd hergezogen kommenden Zukunft, ehe diese Zukunft nächst gegenwärtiger Augenblick und als solcher reif zur Verewigung geworden ist. Das Gebet des Einzelnen ist so, grade wenn es erfüllt wird und seinen Beter also erleuchtet, stets in Gefahr – Gott zu versuchen.
Die Möglichkeit, Gott zu versuchen, widerspricht also nicht der göttlichen Weltordnung. Das würde sie
nur, wenn der Mensch nun wirklich die Kraft hätte, seinen Übernächsten nicht bloß zu lieben, sondern ihn dadurch auch zu
verewigen. So aber ist es nicht. Wohl möchte der im Gebet erleuchtete Mensch das Himmelreich mit Gewalt vor der bestimmten
Zeit herbeiführen; aber das Himmelreich läßt sich nicht vergewaltigen, es wächst. Und so fällt die magische Kraft des
einzelnen Beters, wenn sie weiter schweift als zum Nächsten, ins Leere. Der Übernächste, zu dem sie sich zu schwingen suchte,
nimmt sie nicht in sich auf, und weil sie so weder in ihm Boden noch von ihm den Rückweg findet, so ist ihr auch der Weg
vorwärts versagt; denn um weiter vorwärts sich zu verbreiten, müßte sie erst einmal wieder Grund unter ihren Füßen gespürt
haben. Das ist das Unglückliche der Liebe zum Übernächsten; obwohl sie doch echte Liebestat wirkt, verendet sie in ihrem
erreichten Ziel ganz ähnlich wie die Zwecktat; die Gewaltsamkeit ihres Anspruchs rächt sich an ihr selbst. Der Schwärmer, der
Sektierer, kurz alle Tyrannen des Himmelreichs, statt das Kommen des Reichs zu beschleunigen, verzögern es eher; indem sie ihr
Nächstes ungeliebt lassen und nach dem Übernächsten langen, schließen sie sich aus von der Schar derer, die in breiter Front
vorrückend Stück für Stück des Erdbodens, ein jeder das ihm nächste, erobern, besetzen, – beseelen; und ihr Vorgreifen, ihr
persönliches
Bevor-zugen
des Übernächsten leistet den Nachfolgenden keinen Pionierdienst; denn es bleibt ohne Auswirkung; das vom Schwärmer vorzeitig
bestellte Ackerland trägt keine Frucht; erst wenn seine Zeit gekommen ist – und sie kommt auch für es –, erst dann trägt es;
da aber muß die ganze Arbeit des Bestellens wieder von frischem getan werden; die erste Aussaat ist verfault, und es gehört
schon die eigensinnige Torheit der Gelehrten dazu, um angesichts der verfaulten Reste zu behaupten, dies wäre eigentlich
schon
das gleiche, was später zur Frucht gereift sei. Zeit und Stunde sind um so mächtiger, je weniger der Mensch sie weiß.
Zeit und Stunde – sie sind ja nur vor Gott ohnmächtig. Denn für ihn allerdings ist die Erlösung so alt
wie Schöpfung und Offenbarung, und so prallt, grade insofern er nicht bloß Erlöser, sondern auch Erlöster, die Erlösung also
ihm Selbsterlösung ist, jede Vorstellung eines zeitlichen Werdens, wie sie eine freche Mystik und ein hochtrabender Unglaube
ihm gern andichten, von seiner Ewigkeit ab. Nicht er selbst für sich selbst, sondern er als Erlöser von Welt und Mensch
braucht Zeit, und nicht weil er sie braucht, sondern weil Mensch und Welt sie brauchen. Denn für Gott ist die Zukunft keine
Vorwegnahme; er ist ewig und der einzige Ewige, der Ewige schlechtweg; Ich bin
ist in seinem Munde wie Ich werde sein
und
findet erst darin seine Erklärung.
Aber für Mensch und Welt, denen das Leben von Haus aus nicht ewig ist, sondern die im bloßen Augenblick
oder in breiter Gegenwart leben, ist die Zukunft nur faßbar, indem sie, die zögernd herangezogen kommende, in die Gegenwart
vorgezogen wird. So wird ihnen die Dauer höchst wichtig, weil sie es ist, an der sich die Zukunft, indem sie in den Augenblick
vorweggenommen wird, immerfort reibt. Und deshalb kommt für das Gebet schließlich alles darauf hinaus, ob die Zukunft des
Reichs dadurch beschleunigt oder verzögert wird. Oder genauer gesagt: da beides, Beschleunigung wie Verzögerung, nur in den
Augen des Menschen und der Welt, nicht vor Gott gilt, und Mensch und Welt die Zeit nicht messen nach einem außer oder über
ihnen liegenden Maß, sondern aneinander, der Mensch also am ihm entgegenreifenden Wachstum der Welt, die Welt an der ihr in
den Schoß geschütteten Fülle der Liebe: so kommt es für das Gebet darauf an, ob der Lichtschein, den es in das Dunkel der
Zukunft wirft und der in seinen letzten Ausläufern immer in die fernste Ferne reicht, an der Stelle seines ersten Auftreffens,
an dem nächsten Punkt also, den er dem Beter erleuchtet, der Liebe vorauseilt, hinter ihr zurückbleibt, oder mit ihr Schritt
hält. Nur im letzten Falle wird das Gebet erfüllt; nur dann geschieht es in der angenehmen Zeit
, der Gnadenzeit
; in diesem
seltsamen Ausdruck, den wir nun zu verstehen beginnen, macht der Glaube den Gedanken lebendig, den als eine tote Erkenntnis
schon die heidnische Frömmigkeit besaß: daß man die Götter nur bitten dürfe um das, was sie zu gewähren geneigt seien, und daß
also für den Fall, daß man um Unrichtiges
bitte, man selbst von vornherein um Nichterfüllung
bitten müsse.
Über diesen leeren Gedanken des richtigen
Gebetsinhalts erhöht der Glaube den Gedanken der rechten
Zeit. Es gibt keinen an sich unrichtigen Gebetsinhalt. Das, was scheinbar kraß unrichtiger Inhalt ist und was zu beten dem
frommen Heiden ein Greuel wäre, das Gebet um eigenen Vorteil, das egoistische Gebet – es ist nicht von seinem Inhalt her
unrichtig; denn Gott will, daß der Mensch sein Eigenes habe, er gönnt ihm, was er zum Leben braucht, ja mehr: was er im Leben
zu brauchen glaubt, ja was er nur immer wünschen kann. All das gönnt ihm Gott, und weil er es gönnt, deshalb gibt er es ihm,
ja deshalb hat er es ihm schon gegeben, ehe er noch darum bitten kann; es gibt dem Inhalt nach keine sündige Bitte; selbst
eine so verbrecherische wie etwa die um den Tod eines andern, wäre von Gott dem Beter schon erfüllt, ehe er sie bittet, indem
er den Beter zum Einzelnen geschaffen hat; es ist ja schon so, ohne alles Gebet: der andre muß sterben. Denn nur Andre können
sterben; nur als Andrer, nur als Er stirbt der Mensch. Das Ich kann sich nicht gestorben denken; seine Angst vor dem Tode ist
die Angst, das zu werden, was es an gestorbenen Andern allein mit
Augen
sehen kann: ein gestorbener Er, ein gestorbenes Es; nicht den eigenen Tod fürchtet der Mensch, denn den kann das Ich, das in
der Offenbarung erweckte, in seinem Vorstellen, wie es ist, gebunden an die Formen der Schöpfung, sich gar nicht vorstellen,
sondern den eigenen Leichnam. Der Schauder, der ihn, den Lebendigen, angeweht hat, so oft er einen Toten sah, befällt ihn,
sowie er sich, den Lebendigen, selber als einen Toten vorstellt, wo doch streng genommen der Tote nie als man selbst
,
sondern stets nur als ein andrer
vorgestellt werden kann. Man selbst
über-lebt
also ohnehin den andern, jeden andern; denn der andre, jeder andre, ist tot schon als andrer, schon von der Welt her; er ist
als andrer geschaffen, und als Geschaffener
voll-endet
er sich zum Geschaffenen im Tod, als Geschaffener ist er letzthin nicht bestimmt, irgend einen andern zu
über-leben;
denn das Leben ist nicht das Höchste in der Schöpfung, sondern seine Bestimmung ist, sich zu
über-sterben;
der Tod, nicht das Leben, vollendet das geschaffene Ding zum einzelnen einsamen Ding; er verleiht ihm die höchste Einsamkeit,
deren es als Ding unter Dingen fähig ist. Das Gebet um den Tod des andren verlangt also, der
andre solle in Ewigkeit bleiben, was er schon von der Welt her ist: geschaffenes Ding, – Andrer; indes man selber Selbst, zu
eigenem Leben erwecktes, und also Überleber schlechtweg, Überleber alles ewig Andern
sein möchte. Eine ewige Scheidewand
soll zwischen dem Ich bestehen bleiben und allen andern. Die Brücke, die vom Ich zum Er, von der Offenbarung zur Schöpfung
führt und über der geschrieben steht: Liebe deinen Andern, er ist kein Andrer, kein Er, sondern ein Ich wie Du, er ist wie
du
, – diese Brücke weigert sich das Ich, das um den Tod des andern bittet, zu betreten; es will genau wie der Mystiker,
dessen heimliche Sünde der ehrliche Sünder, der Verbrecher, frei ausspricht, durchaus in der Offenbarung bleiben und die
Schöpfung den andern
überlassen; so leugnet der Sünder, der offene Verbrecher wie der mystische Heimlichtuer, die Erlösung;
denn was ist die Erlösung sonst als dies, daß das Ich zum Er Du sagen lernt?
Dies Gebet, daß der Andre sterben möge, ist also schon vor allem Beten erfüllt; denn der Mensch ist schon
von der Welt her in seinem Eigenen. Nicht also der Inhalt der Bitte ist sündhaft; er ist, wie schon die Schöpfung zeigt, gar
nicht gegen Gottes Willen; sondern daß der Mensch, statt diesen Inhalt in seinem
Gebet als
schon erfüllten zu behandeln und also für sein durch das menschlich-geschöpfliche Anderssein aller Andern
be-dingtes
Eigensein Gott zu danken, darum bittet und es also als ein noch Unerfülltes behandelt. Denn damit betet er zur Unzeit; er
hätte vor seiner Schöpfung darum bitten müssen; nachdem er geschaffen ist, kann er für das Eigene nur noch danken; und bittet
er gleichwohl darum, so versäumt er die Gnadenzeit für das Erbeten dessen, was ihm gegenwärtig zu erbeten nottut, und indem er
um das in Schöpfung und Offenbarung ihm schon gewährte Eigene
bittet, verpaßt er den Augenblick, wo er um sein Nächstes
bitten müßte. Der Strahl des Scheinwerfers traf allzunah auf seinen Gegenstand, nämlich noch innerhalb des Kreises des
Eigenen, statt auf das, was dem Selbst nicht mehr Eigenes ist, sondern bloß wie
sein Eigenes, wie
er selbst, – das
Nächste.
So ist es, wenn das Gebet hinter der Liebe zurückbleibt, wenn also der Sünder in uns betet. Das Gebet des Sünders verzögert so das Kommen des Reichs, indem es aus der Fülle der Liebe, die der Augenblick der angenehmen Zeit erwartet und braucht, sich selber durch Bleiben im Eigenen ausschließt. Das Entgegengesetzte sehen wir am Gebet des Schwärmers, der in dem Verlangen, die Zukunft des Reichs zu beschleunigen, daß sie komme vor der Zeit, das Reich an dem Punkt, den ihm der Scheinwerfer seines Gebets als den nächsten zeigt und der immer nur ein übernächster ist, mit Gewalt einzunehmen sucht. Ihm verdorrt sein Gebet und seine Liebe, und so hat auch er schließlich sich selbst dem gnadenreichen Augenblick, der auf seine wie auf jedes andern Tat wartete, entzogen und das Kommen des Reichs, das er beschleunigen wollte, verzögert. So wird also nur das Gebet das Kommen des Himmelreichs nicht verzögern, das zur rechten Zeit getan wird. Wie aber wird dies Gebet getan? Und gäbe es nur ein Nichtverzögern? hätte der Schwärmer ganz Unrecht? gäbe es wirklich gar keine Möglichkeit, das Kommen des Reichs nicht bloß zu verzögern, sondern zu beschleunigen? Ist sein Gebet ein bloßes Versuchen der – mit den Worten der Kabbalah gesprochen – göttlichen Kurzmut, so wie das Gebet des Sünders die göttliche Langmut versucht? Ist in unserem Herzen, wenn unser Mund betet, niemand anders außer dem Sünder und dem Schwärmer? Beten nicht noch andre Stimmen in uns?
Schaff', das Tagwerk meiner Hände, hohes Glück, daß Ichs vollende
– scheint es doch auf den ersten
Blick, dies Gebet des jungen Goethe wäre kaum unterschieden von dem Gebet Moses des Mannes Gottes: ja das Werk unsrer Hände
wollest du fördern. Und ist doch verschieden von ihm – so verschieden wie die beiden letzten Gestalten des Gebets, die wir nun
finden werden. Das Gebet Goethes, des Mannes des Lebens, geht an sein eigenes Glück, ihm legt er das Tagwerk der eigenen Hände
zu Füßen und bittet, daß er selber es vollenden möge. Das ist das Gebet, das dieser große Beter in immer neuen Worten Jahre
und Jahrzehnte lang wiederholt hat, bis ihm große sichtbare Erfüllung wurde. Was ists mit diesem Gebet des Menschen zum
eigenen Schicksal? Wer ist dies Schicksal, vor dem er das freie Haupt demütig neigt und vor dem sein Herz auf die Kniee fällt?
Es wäre eine unzulässige Umdeutung, wenn man im Schicksal
etwa nur einen Verlegenheitsausdruck für den
göttlichen Erhörer des Gebets, zu dem alles Fleisch kommt, sehen wollte. Nein, zu diesem Schicksal kommt nicht alles Fleisch
und legt ihm das Werk seiner Hände vor, sondern nur ein einsamer Einzelner tritt vor es hin, und nur einem einsamen Einzelnen
ist es Erhörer des Gebets, nur ihm und keinem andern. Es ist ein Schicksal, so persönlich wie der Beter selbst, ja es ist eben
des Beters persönliches Schicksal. Und sollte dieses Gebet erfüllt werden? sollte es zur angenehmen Zeit gesprochen werden
können? Ist es nicht ein Verwandter des Gebets, das um das Eigene betet und das stets zu spät kommt? dessen Gnadenzeit in dem
Augenblick liegt, da die Welt ward? und das nimmermehr erfüllt wird, weil es schon erfüllt war vor aller Bitte? Aber nein –
betet es denn um das Eigene? Betet es nicht vielmehr im Eigenen? Ob Eigenes oder Fremdes seinem Leben und seiner Liebe zum
Inhalt wird, das kümmert diesen Beter wenig. Ihm geht es nur darum, daß, was auch kommt, in sein Leben münde, daß alles,
Eignes wie Fremdes, Fremdes wie Eignes, alles ihm im Heiligtum seines eigenen Schicksals darzubringen vergönnt sein möge.
Darum betet er. Er verlangt mitnichten, sein Eigenes zu bewahren; er ist wohl bereit, sich ins Draußen zu verströmen, sein
enges Dasein hier zur Ewigkeit zu erweitern, und er tuts; aber er fühlt sich in diesem Verlangen als Diener seines eignen
Geschicks, und wenn er bereit ist, die Mauern der eigenen Person niederzulegen, – den heiligen Bereich des eigenen Schicksals
glaubt er nicht verlassen zu können und zu dürfen. Was ists also – abermals fragen wir es – mit dem eigenen Schicksal?
Der Mensch ist ein unteilbarer Teil der teilereichen Welt. Die Welt wächst durch ihre Alter. Sie hat ihr eigenes Schicksal. Das Schicksal des Menschen ist ein Teil in diesem Schicksal. Aber es geht nicht darin auf. Es löst sich nicht darin. Es ist zwar ein Teil, aber ein unteilbarer. Der Mensch ist Mikrokosmos. Und so ist sein Schicksal im Schicksal der Welt, das in den Altern ihres Wachstums heranreift, gleich einem bestimmten Augenblick im Strome der Zeit: man kann ihn nicht vertauschen, nicht verschieben, nicht auflösen in dem Ganzen des Stroms, er ist ein Teil dieses Ganzen, aber ein unauflösbarer, unteilbarer. Ein Augenblick in den Altern der Welt, deutlicher vielleicht: eine Stunde; denn dies Schicksal ist voll von mannigfaltigem Inhalt, und die Stunde, die geschlagene Stunde, ist ja die Zeit, die der Mensch selber in den Zeitlauf der himmlischen Zeichen wie ein Stehendes hineinstellt als Gefäß des eignen zusammenhängenden Erlebens, dessen kleinstes, noch nicht eigenes, erst anzueignendes Element bloß, nichts weiter, der Augenblick ist. Diese eigene Stunde in den wachsenden Altern der Welt, die Stunde, die ihm geschlagen, sie also ist es, die der Mensch erfaßt, der zum eigenen Schicksal betet. Und weil das so ist, so wird dies Gebet stets erfüllt. Indem es gebetet wird, schlingt es sich hinein in das Weltschicksal und ist nie fehl am Ort, nie überreif, nie unreif. Weil es in der eigenen Stunde geschieht und gar nicht zu einer fremden Stunde geschehen kann, denn es ist eben Gebet zum eigenen Schicksal, und nicht zu einem fremden, so ist es stets in der angenehmen Zeit, der Zeit der Gnade, und ist erfüllt, wie es gebetet wird. Es wird erfüllt von der Welt her; es ist, indem der Mensch darin in das eigene Schicksal eingeht, zugleich das vertraute Eingehn des Menschen in das, was von der Welt her ist, in die Schöpfung.
Dies ist ein großer Augenblick in der Geschichte des Menschen, wo zum ersten Mal der Mensch so seine Arme
betend zum eigenen Schicksal erhebt. Nicht gefühllos hat dem der Mensch Goethe, in welchem dieser große Augenblick
hervorbrach, gegenübergestanden. Er hat es gewußt und hat es als Greis in einem überkühnen, aber bis auf den Grund blickenden
Wort ausgesprochen: er, so meinte er, sei vielleicht in seiner Zeit noch der einzige Christ, so wie ihn Christus gewollt habe.
Was ist der Sinn dieses hart an lästernden Wahnsinn grenzenden Ausspruchs? Denn indem er sich in seiner Zeit als den
vielleicht
einzigen bezeichnet, gibt er sich selber – ob ihr mich gleich für einen Heiden haltet
– eine einzigartige
Stellung in der Geschichte des Christentums, über alle Möglichkeit des Erkennens und Verstehens hinaus. Christ sein heißt ja
nicht: irgendwelche Dogmen angenommen haben; sondern sein Leben unter die Herrschaft eines andern Lebens, des Lebens Christi
stellen und, dies einmal geschehen, fortan das eigene Leben nur in Auswirkung der von dort zuströmenden Kraft zu leben. Wenn
also Goethe sich als den vielleicht einzigen Christen seiner Zeit bezeichnet, so kann das nur heißen, daß die ganze von Christus ausströmende Kraft sich heutzutage
in ihm angesammelt habe und in ihrem lebendigen
Fortströmen irgendwie an ihn und sein scheinbares Heidentum gebunden sei. Denn dies ist das einzige, wodurch nun dennoch jenes
sich unter das Leben Christi Stellen in gewisser Weise dogmatische Folgerungen erzwingt: die Voraussetzung, daß jenes Leben
einzig in der Welt sei und seine Wirkungen nur aus ihm und also, von den unwichtigen bewußten Vergewisserungen der Einzelnen
abgesehen, in ihrer unbewußten Lebendigkeit in einem einzigen ununterbrochenen Strome nur von ihm ausgehen können; und in
diesem Sinn wäre freilich das Leben Christi ein oder vielmehr das Dogma der Christenheit; wie denn in der klassischen Form des
Dogmas, der Dreieinigkeitslehre, das Leben Christi, nach rückwärts in seiner Einzigartigkeit in der geschaffenen Welt, nach
vorwärts in seiner ununterbrochen in der zu erlösenden Menschheit fortwirkenden Kraft vorstellig gemacht, wirklich den
einzigen Inhalt bildet. Was meint denn also dem allem gegenüber der Goethesche Ausspruch mit seiner merkwürdigen Verflechtung
des Goetheschen Heidentums
mit der Nachfolge Christi?
Die Nachfolge Christi hatte zunächst, wenn der Christ sein Leben ebenso unbedingt, ebenso dem Schicksal der ganzen Welt verbunden leben wollte, bedeuten müssen, daß er für ein solches Leben erst einmal die äußere Möglichkeit schuf. Denn zunächst sah das Christentum, indem es mit dem Willen zu solchem Leben hinaus in die Welt trat, in dieser das entgegengesetzte Lebensgesetz auf dem Throne sitzen. Zwar trat es nicht, wie es noch wenige Jahrhunderte zuvor und wieder wenige Jahrhunderte hernach geschehen wäre, in eine in Völker, Stämme, Städte auseinandergebrochene Welt, eine Welt, deren Teile schon als Teile jeder für sich ein eigenes, in sich selber bedingtes, welt-fremdes Leben führten; sondern die Welt, wenigstens die westliche, nach der ja die Sendboten des Christentums allein hinauszogen, war geeinigt unter dem Szepter des Cäsar. Aber in dieser Einheit bot sie nur scheinbar und nur äußerlich dem Christentum günstigen Boden. Denn ihre Einheit war nicht die Einheit der Welt; die Grenzen des Imperiums umspannten nicht, wie es wohl prahlerisch sich selber vorzureden suchte, die Ökumene, die menschenbesiedelte Welt. Und daß sie das nicht taten, war nicht etwa nur eine Unzulänglichkeit gegenüber der eigenen, dennoch grundsätzlich festgehaltenen Absicht. Sondern in den Grundstein dieses Staatsbaus hatte sein Baumeister, der Kaiser Augustus, den Gedanken der Beschränkung auf den vorgefundenen Besitz hineingelegt; nur grenzsichernde Abrundungen sollten gestattet sein; nur um den Umwohnenden den Geschmack an Angriffen zu nehmen, wurden die Adler über die Grenzen getragen; dem großen Reich des fernen Ostens gleich, das ja ebenfalls sich selbst unbefangen mit der Welt gleichsetzte, sicherte sich auch dies mittelländische Kaiserreich durch festland-durchschneidenden Wall und Graben sein Dasein gegen den Rest der Erde, den zu erobern es verzichtete.
Und wie so das Ganze des Reichs das Schicksal der Welt von seinen Schultern wälzte, so war auch im Innern das Schicksal des Einzelnen nur sehr obenhin dem Schicksal des Ganzen verbunden. Wie die Geschichte der Hauptstadt durchaus nicht die Geschichte der Provinzen ist, so wird auch das Leben des einzelnen Menschen vom Leben der Gesamtheit eigentlich kaum berührt. Es ist kein Zufall, daß schließlich als das Ergebnis dieser mehrhundertjährigen Reichsgeschichte eine Verbuchung des privaten Rechts übrig blieb: der römische Bürger litt am Staat sowenig, wie er an ihm wirkte; das einzige, was ihm vom Ganzen kam, war Eingrenzung und Schutz seiner privaten Rechtssphäre, – ein Zaun gewissermaßen, der jeden gegen alle andern abschloß wie der große Grenzwall das Reich gegen die Welt. In dieses Schein- und Widerbild eines Weltreichs setzten nun die Christen sein vollkommenes Gegenstück, das, äußerlich angelehnt an seine Gliederung, seinen unterm Andrang der vergebens durch Wall und Graben ausgeschlossenen Völkerwelt geschehenden Einsturz überdauerte und überdauert bis zum heutigen Tag: die römische Kirche.
Die Sendboten des Nachfolgers Petri haben den Limes überschritten: sie sind hinausgegangen und haben alle Völker gelehrt. Die Kirche setzt sich keine äußeren Grenzen mehr, wie es das Reich tat; sie gibt sich grundsätzlich an keiner Grenze zufrieden, sie weiß von keinem Verzicht. Und wie sie nach außen um aller Welt Schicksal ihren schützenden Mantel schlägt, so darf auch in ihrem Schoße keiner für sich bleiben. Von jedem verlangt sie un mittelbar das Opfer seines Selbst, aber jedem erstattet sie es in ihrer bemutternden Liebe reichlich zurück; ein jeder ist ein kostbares und unersetzliches, ein trotz aller andern stets einziges Kind. So hängt durch sie das Leben des Einzelnen unmittelbar am Leben aller Welt. Das Band, das ihn, wie die Mutter Kirche selbst, mit dem Schicksal der Welt verknüpft, ist die Liebe. In der Liebe des Missionars zu denen, die noch im Finstern sitzen, geschieht das Hinausrücken der äußeren Grenzen, die Erweiterung des äußeren, sichtbaren Baus; im sichtbaren Opfer des frommen Werks, in der sichtbaren Spende der leiblichen wie der geistlichen Wohltat ist es auch im Innern der Kirche die Liebe, die den Menschen mit ihr und dadurch mit dem Ganzen verbindet. So schafft die petrinische Kirche einen sichtbaren Leib, sich selber zunächst und den Menschen, die ihre Glieder sind und sofern sie ihre Glieder sind; doch weiterhin auch der Welt draußen, die sie stufenweise durchgestaltet und durchwaltet, in der Einheit des Kaisertums über den Königtümern der Nationen; im Bau der Stände und Berufe über den Einzelnen gliedert sie schließlich auch den Menschen, sofern er noch draußen ist und draußen bleibt, sich an und damit doch ebenfalls sich ein. Scheint da nicht die Bedingung der Möglichkeit christlichen Lebens erfüllt? Was bedarf es noch weiter? In allem, was er tun mag, ist der Mensch eingefügt in das Ganze der Welt, das Schicksal seiner Tat mit dem Schicksal aller Welt unlöslich verknotet. Das Schicksal seiner Tat wohl, nicht aber das Schicksal seines Gedankens.
Denn die römische Kirche hatte zwar die leibliche Welt der lebendigen Völker durchdringen und sich im Kampf gegen das andrängende Heidentum des Halbmonds in siegreichem Gegenangriff behaupten können; hier schuf sie sich wirklich ihre eigene; ihre neue Welt. Aber gegen das innere, genauer das er-innerte Heidentum, den heidnischen Gedanken in der Gestalt der Erinnerung, war sie auf die Verteidigung beschränkt geblieben. Nur in den ersten Anfängen, bis zum Ausgang der Patristik, also genau so lange als der heidnische Gedanke noch nicht bloße Erinnerung war, sondern noch lebendige Äußerung, hatte sie ihn angriffsweise überwältigt. Aber so sieghaft kühn wie Augustin wagt kein Scholastiker des Mittelalters mit der Weisheit der Hellenen umzuspringen. Mit heidnischen Philosophen zu kämpfen war die Liebe kräftig; gegen heidnische Philosophie war ihre Waffe stumpf. Die Schließung der Philosophenschulen in Athen durch die christlich gewordene Obrigkeit bezeichnet das Ende der kirchlichen Antike und den Beginn des kirchlichen Mittelalters, oder anders gesagt: das Ende der Patristik und den Beginn der Scholastik. Denn von da an ist die heidnische Antike für die Kirche ein gespenstisch ungreifbarer und doch höchst farbig sichtbarer, gewissermaßen wandgemäldehafter Gegner geworden, den siegreich zu bekämpfen die Kraft der Tat – und das ist die Kraft der Liebe – nicht ausreicht. Wie könnte wohl ein Bild durch Liebe bekehrt werden! es hat ja kein Leben. Soll es bekehrt werden, so muß es zuvor von ganz eingenommenem Auge aufgenommen, von ganz fassungsloser Seele erfaßt werden; erst die so zur Ketzerin gewordene Seele – sie kann alsdann sich zum Glauben bekehren. Die mittelalterliche Scholastik hatte vor dem Bild an der Wand einen Vorhang zum Auf- und Zuziehen angebracht; denn nichts andres war jener bedenklichste – grade im christlichen Sinne bedenklichste, weil missionshemmende – Gedanke einer zwiefachen Wahrheit, einer Wahrheit der Vernunft gegenüber der Wahrheit des Glaubens. Erst als die gemalten Gestalten von der Wand herniederstiegen und sich als lebendige Erinnerungen des Heidentums unter das christliche Volk mischten, erst da wuchsen der Kirche wieder die Kräfte der Liebe gegen sie.
Aber weil diese Neuheiden doch nur Neu-Heiden waren, Heiden in einer schon christlichen Welt, erinnerte Heiden also in einem schon christlichen Außen, heidnische Seelen in einem christianisierten Weltleib, so mußte die Kraft, die sie zu bekehren sich unterwand, eine Kraft sein, die nicht mehr, wie die Liebe, aus der Seele allein in ein leibliches Außen wirkte; es mußte eine Kraft sein, die in der Seele selbst an der Seele tätig war. Eine innere Tätigkeit also der Seele an sich selber, eine Selbstbekehrung des Menschen, die von der Welt ab-sah, um dafür die Seele und allein die Seele, die einsame Seele, die Seele des Einzelnen zu gewinnen ohne alle Welt.
Diese Kraft überkam die Welt in der als Kirche grundsätzlich unsichtbaren, nur als Zeit, als weltgeschichtliche Epoche, als Säkulum, sichtbaren Gestalt der paulinischen Jahrhunderte. Das sind die Jahrhunderte, wo die von der petrinischen Kirche begründete Welteinheit aller Enden zu zerbrechen schien, wo überall die heidnischen Gestalten wieder lebendig wurden, wo die Nationen die Christenheit, die Staaten das Reich, die Individuen den Stand, die Persönlichkeiten den Beruf zu sprengen versuchten. Der christliche Weltleib schien in diesen drei, ja mit den Auswirkungen vier Jahrhunderten sich wieder zu zersetzen; es war der Preis, um den die Christianisierung der Seele, die nachträgliche Bekehrung des nie ganz gestorbenen, nun wiedererweckten, heidnischen Geistes gelang. Als die Zeit um war, da gab es keine zwiefache Wahrheit mehr; dem Glauben war gelungen, woran die Liebe versagen mußte: die Taufe der weltlosen, unsichtbaren, sich er-innernden Seele. Ihre ganze Erinnerung, ihren ganzen In-halt brachte jetzt die Seele wie in der petrinischen Kirche ihre ganze Gegenwärtigkeit, die ganze Um-welt ihres Tuns, Gott zum unsichtbaren Opfer und empfing es in der unsichtbaren Spende des Glaubens von ihm zurück. So war auch die Seele nun aus allen Zäunen und Mauern befreit und lebte im Unbedingten.
Aber es war der Glaube allein
, der sie in dieses Leben geführt hatte. Es war die Seele allein, die es
lebte. Wie die petrinische Kirche die schwache Stelle ihres allzuleibhaftigen Wesens verraten hatte in dem bösen Gedanken der
zwiefachen Wahrheit, so machte die deutsche idealistische Bewegung am Ausgang der drei Jahrhunderte die Schwäche des allzusehr
bloß seelenhaften, besser: bloß geistigen Wesens des Glaubens offen kund. Der Geist meinte so sehr allein
zu sein, daß er
wirklich aus sich allein alles und alles aus sich allein erzeugen könnte. Der Glaube hatte eben doch über dem Geiste den Leib
vergessen. Die Welt war ihm entglitten. Er hatte die Lehre von der zwiefachen Wahrheit freilich abgetan. Aber dafür handelte
er in einer zwiefachen Wirklichkeit, nämlich der rein inneren des Glaubens und der rein äußeren einer mehr und mehr
ver-weltlichten
Welt; je größer die Spannung zwischen beiden, um so wohler fühlte sich dieser Protestantismus, der am Ende diesen
wechselseitigen Protest des Glaubens gegen die Welt, der Welt gegen den Glauben zu seinem Hauptstück erhub. Mit andern Worten:
die neue Kirche verzichtete auf die Tat, die recht eigentlich die höchste Tat der alten gewesen war und es grade jetzt im
Gegensatz zu der neuen wieder wurde: auf die Mission. Als zum ersten Mal von einer im Luthertum
gewachsenen Richtung das Werk der Heidenbekehrung aufgenommen wurde, da war es das Zeichen, daß hier, im Pietismus, etwas
Neues heraufzog. Die Sterbestunde des alten Protestantismus war eingeläutet.
Leib und Seele waren noch geschieden; jedes blieb dem andern etwas schuldig, der Seele der Leib ihre
Wahrheit, dem Leib die Seele seine Wirklichkeit. Der ganze Mensch war beides und mehr als beides. Und solange nicht der ganze
Mensch, sondern immer nur ein Teil von ihm bekehrt war, so lange war die Christenheit noch in der Vorbereitung, noch nicht am
Werk selber. Der Mensch ist Mikrokosmos; was innen ist, ist außen. Über Leib und Seele wölbt sich, höher als beide, von beiden
getragen, das Leben. Das Leben nicht als Leben des Leibes oder der Seele, sondern als etwas für sich, das Leib und Seele in
sich, in sein Schicksal hineinreißt. Das Leben ist der Lebenslauf. Das eigentliche Wesen des Menschen ist weder in seinem
leiblichen noch in seinem geistigen Sein, es vollendet sich erst im ganzen Ablauf seines Lebens. Es ist überhaupt nicht, es
wird. Das Eigenste des Menschen ist eben sein Schicksal. Leib wie Seele hat er noch irgendwie mit andern gemein; sein
Schicksal hat er für sich selber. Das eigene Schicksal ist zugleich Leib und Seele, es ist das, was man am eigenen Leibe
erfährt
. Zugleich, indem es den Menschen in sich selber eins macht, einigt es ihn doch auch mit der Welt. Er hat es nicht mit
der Welt gemein, wie doch sein Leib Teil der geschaffenen Welt, seine Seele Miterbin der göttlichen Offenbarung ist; aber er
hat es ganz in der Welt; er ist in der Welt, indem er es hat. Er wächst in die Welt ein, indem er in sich selber wächst. Der
einzelne Lebenstag bekommt Sinn, indem er eingefügt wird in den ganzen Gang des eigenen Lebens. Das Heute vollendet sich zu
einem Morgen und Übermorgen, das doch ebensogut schon heute sein kann; das Leben kann ja jeden Augenblick enden, aber als
eigenes Schicksal vollendet es sich im Augenblick des von außen gesehen zufälligen Endes und ist vollbracht. Wäre dies
Verhältnis des Teils zum Ganzen bloß innerhalb des Lebens zwischen der einzelnen Stunde und dem Lebenslauf, so wäre dies Leben
noch nichts andres als das Selbst des heidnischen Menschen. Aber diese innere Verknüpfung ist die gleiche, die auch das
menschliche Leben als Ganzes dem Ganzen des weltlichen Lebens verknüpft, es ist eben Schicksal. Und
indem es als Schicksal empfunden wird, indem das eigene Schicksal als etwas erkannt wird, das man nicht bloß erfährt, sondern
zu dem man beten kann, ist schon das Neue da, was über die gegenseitige Verschuldetheit von Nurleib und Nurseele hinausliegt.
Und damit hat eine neue, die
voll-endete
Zeit des Christentums begonnen.
Es ist diesmal nicht wie bei den beiden vorbereitenden Zeiten, wo der Heide dem Christentum in Person
gegenübersteht, der leiblich äußerliche zuerst, nachher der geistig erinnerte Heide, sondern Bekehrer und Bekehrter sind hier
ein und derselbe Mensch. Goethe ist wirklich in einem zugleich der große Heide und der große Christ. Er ist das eine, indem er
das andre ist. Im Gebet zum eigenen Schicksal ist zugleich der Mensch ganz und gar in seinem Selbst eingewohnt und grade darum
auch ganz in der Welt zuhause. Dies Gebet des Unglaubens, das doch zugleich ein ganz gläubiges, nämlich geschöpflich-gläubiges
Gebet ist, betet hinfort jeder Christ, wenn auch zum Unterschied von Goethe nicht als einziges Gebet. Und dieses Gebet beten
hinfort auch die Völker und alle weltlichen Ordnungen der Christenheit. Sie alle wissen nun, daß ihr Leben Eigenleben sein muß
und grade als solches eingefügt ist in den Gang der Welt; sie alle finden die Rechtfertigung ihres Daseins in der Lebendigkeit
ihres Schicksals. Es gibt nun erst christliche Völker, während es in der paulinischen Epoche weltliche Obrigkeiten, in der
petrinischen die dem einen heiligen Reich untergetanen Nationen gab. Staaten wie Stämme bedurften einer Ergänzung ihres
Lebens, die einen am Glauben des Einzelnen und der Verwaltung des Worts, die andern am Reich und der sichtbaren Kirche; so
allein hatten sie tragfähiger Boden für den Samen des Christentums sein können. Nun erst haben die Völker in sich selbst ganze
sich vollendende Lebendigkeit; seit jedes Volk weiß und glaubt, es habe seinen Tag in der Geschichte
; und bedürfen sie
darüber hinaus noch einer irdischen Vollendung, so gibt sie ihnen der gleichfalls rein weltliche, ja allzuweltliche Begriff
der Gesellschaft.
Und wie nun das Leben in sich selber, nein in seiner eigenen Unvollendetheit, eben in seinem Wachstum
bleibt, indem es sich vollendet, so ist jetzt auch sein Opfer und was ihm dafür gespendet wird, nicht
mehr zweierlei. Der äußere Heide opferte seinen Leib und empfing dafür die Liebe; der erinnerte Heide opferte seinen Geist und
empfing dafür den Glauben. Der lebendige Heide aber, der große Heide opfert sein Leben und empfängt dafür nichts anderes als
dies: es opfern zu dürfen und zu können. Sein Leben aber opfern dürfen und können, das ist von Gott aus gesehen die Gabe des
Vertrauens. Wer vertraut und hofft, für den gibt es kein Opfer, das ihm ein Opfer wäre; es ist ihm ganz natürlich zu opfern,
er weiß es gar nicht anders. Die Liebe war sehr weiblich, der Glaube sehr männlich, erst die Hoffnung ist immer kindlich; erst
in ihr beginnt sich das Werdet wie die Kinder
in der Christenheit zu erfüllen. Und so ist Goethe immer kindlich
. Er traut
seinem Schicksal. Er hofft auf seine eigene Zukunft. Er kann sich nicht vorstellen, daß es ihm die Götter
nicht gewähren
würden, das Werk seiner Hände zu vollenden. Er hofft, wie Augustin liebt, wie Luther glaubt. Und so tritt die ganze Welt unter
dies neue Zeichen. Die Hoffnung wird nun die größeste. In die Hoffnung fügen sich die alten Kräfte, fügen sich Glaube und
Liebe ein. Vom Kindersinn der Hoffnung her kriegen sie neue Kraft, daß sie wieder jung werden wie die Adler. Es ist wie ein
neuer
Weltmorgen,
wie ein großes Vonvornanfangen, so als ob vorher noch nichts gewesen wäre. Der Glaube, der sich in der Liebe bewährt, die
Liebe, die den Glauben in ihrem Schoße trägt, sie werden nun beide auf den Fittichen der Hoffnung emporgetragen. Über tausend
tausend
Jahre hofft nun der Glaube, sich in der Liebe bewährt, die Liebe, den wahren Glauben ans ein und allgemeine Licht der Welt
gebracht zu haben. Der Mensch spricht: Ich hoffe zu glauben.
Die Hoffnung wird dem Menschen nur geschenkt, wenn er sie hat; während die Liebe grade dem harten Herz,
der Glaube dem Ketzer geschenkt wird, schenkt Gott die Hoffnung nur dem, der hofft. Deswegen stiftet die Hoffnung keine neue
Kirche. Denn hier tritt ja kein neuer Heide auf, sondern nur der lebendige, der die kleinen Heidentümer des Leibes und der
Seele sich zum großen Heidentum des Lebens vereint; und schon diese Vereinigung, das bloße Auftreten des Heiden also, bedeutet
seine Bekehrung. Die johanneische Vollendung hat keine eigene Form; sie ist eben selber kein Stück mehr, sondern nur noch
Vollendung des bisher Stückwerklichen. So wird sie in den alten Gestalten leben müssen. Es ist ja in
dieser Zeit eine dritte christliche Kirche mit ihren Völkern in den Kreis der Christenheit eingetreten, uralt wie jene beiden
– denn sie sind nur scheinbar nacheinander, in Wahrheit alle gleich alt –, die östliche. Aber nicht als eine neue Kirche ist
sie für die Christenheit lebendig geworden, sondern den alten Kirchen ist aus dem Rußland Aljoscha Karamasows eine Erneuerung
der Kräfte des Glaubens und der Liebe gekommen, und als Nährboden einer unendlichen Kraft der Hoffnung hat Rußlands Kirche
sich nur dem eigenen Volk erwiesen, und auch dem doch erst, als es aus ihrem Dämmerraum heraustrat. Und auch das andre große
kirchengeschichtliche Ereignis neben der Einreihung der Russen in den christlichen Kreis, die Befreiung und Aufnahme der Juden
in die christliche Welt, wirkt sich gleichfalls nicht in einer neuen kirchlichen Bildung aus, sondern wieder nur in einer
Neubelebung der alten Kirchen, und hier allerdings, aus dem ewigen, von Haus aus gotteskindlichen Volk der Hoffnung, strömt
unmittelbar die Grundkraft der neuen vollendeten Welt, die Hoffnung, den in Liebe und Glaube mehr als in der Hoffnung geübten
christlichen Völkern zu, und weil diesmal, statt daß der Christ einen Heiden bekehren müßte, der Christ unmittelbar sich
selber, den Heiden in sich, bekehren muß, so ist es in dieser beginnenden Erfüllung der Zeiten wohl der in die christliche
Welt aufgenommene Jude, der den Heiden im Christen bekehren muß. Denn nur im jüdischen Blute lebt blutmäßig die Hoffnung,
deren die Liebe wohl gern vergißt, der Glaube entbehren zu können meint. Aber auch solche Bekehrung geschieht innerhalb der
alten Kirchen. Die Johanneskirche selbst nimmt keine eigene sichtbare Gestalt an. Sie wird nicht gebaut; sie kann nur wachsen.
Wo gleichwohl versucht wird, sie zu bauen, wie in der Freimaurerei und allem was dieser verwandt ist, da ist den lebendig in
ihr fortwirkenden Kräften des Glaubens und der Liebe der Eintritt versperrt, die nur vor den Altären und Kanzeln der alten
Kirchen ihr tagtägliches Brot des Lebens finden; nur die Hoffnung, die sich von sich selber nähren kann, darf in den
freigemauerten Neubau, der in einer bedeutsamen Verwechslung nicht dem Apostel Johannes, sondern seinem vorchristlichen
Namensvetter geweiht wurde, hinein; aber ohne andern Inhalt als sich selber verblaßt sie zur grenzenlosen leeren Selbstbespiegelung eines öde kraftlosen Ich hoffe – immerfort weiter zu hoffen
und fällt, auch wenn
sie die Wahrheit in Gottes Rechter weiß, demütig in seine Linke.
In dieser gestaltlosen, notwendig unverfaßten und deshalb der verfaßten Kirchen stets bedürftigen
Johanneskirche ist Goethe der erste ihrer Väter, obwohl er doch für einen Heiden gelten mußte – und es auch war. In seinem
Gebet zum eigenen Schicksal, das nun alle Welt ihm nachbetet, vollendet sich die Belebung des Toten, welche die unerläßliche
Vorbedingung seines Ewigwerdens ist. In den Gebeten des Leibes um Liebe Gott sei mir Sünder gnädig –, der Seele um Glauben wie
kriege ich einen gnädigen Gott – sind die Teile des Teils, die in ihrer Zusammensetzung ihn zum Unteilbaren machen, jeder für
sich lebendig geworden. Im Gebet des so Individuum
, nämlich Ganzes aus Leib und Seele, gewordenen Menschen um das, was er
schon besitzt, das eigene Schicksal, wird nun auch dieses ganze Einzelne als solches belebt; es bettet sich ein in Alles und
hört dabei doch nicht auf, Einzelnes zu sein. Wo dies Gebet gesprochen wird, da ist jene Lebendigkeit des geschöpflichen
Lebens angebrochen, die dies Leben unmittelbar reif macht für den Einbruch des ewigen göttlichen Lebens.
Denn indem jenes Gebet gesprochen wird, macht es ein Stück Leben reif zur Ewigkeit. Es macht es nicht
selbst schon ewig, es macht es nur lebendig; insbesondere Goethe ist ein Heide geblieben sein Leben lang, und daß er es
geblieben ist, bezeichnet seine weltgeschichtliche Scheidestellung, die er selbst unbefangen in jenem Wort ausspricht, von dem
wir herkommen. Dies ists, was ihm keiner nachmachen kann ohne den Hals zu brechen. Goethes Leben ist wirklich eine
Kammwanderung zwischen zwei Abgründen; er hat es fertig gebracht, keinen Augenblick seines Lebens den Boden der
wohlgegründeten dauernden Erde unter seinen Füßen zu verlieren. Jeder andre, den nicht die
Arme der
göttlichen Liebe ergriffen und ihn den Flug ins Ewige tun ließen, würde mit Notwendigkeit in einen der beiden Abgründe
stürzen, die zu beiden Seiten des Grates gähnen, zu dem doch jeder fortan um der Lebendigkeit des Lebens willen hinansteigen
muß. Die Frömmigkeit des Gebets zum eigenen Schicksal grenzt unmittelbar an das Gebet des Sünders, der sich alles zu beten
erlaubt wähnt, und des Schwärmers, der um des fernen Einen, was ihm der Augenblick des Gebets als
notwendig zeigt, alles außer diesem Einen, alles Nächste, sich verboten meint. In keinen dieser beiden Abgründe ist Goethe
ausgeglitten; er kam durch – machs einer nach!
Ein Bildtäfelchen ist auf dem Kamme errichtet; es schildert an Zarathustras
Nieder- und Untergang, wie man ein alle alten Tafeln zerschlagender Immoralist und ein den Nächsten wie sich selbst um des
Übernächsten willen, seinen Freund um die neuen Freunde vergewaltigender Tyrann – Sünder und Schwärmer in einer Person –
werden kann. Das Täfelchen verwarnt fortan jeden Wanderer, der den Kamm erstiegen hat, den Goetheweg nach Goethe noch ein
zweites Mal gleich ihm allein in hoffnungsvollem Vertrauen zum Schritt der eigenen Füße, ohne die Flügel des Glaubens und der
Liebe, ein
reiner Sohn dieser Erde, schreiten zu wollen.
Vor solchem Ausgleiten in die zwiefache Verfälschung der Zeit, die im Zuspät des Sünders und die im Zufrüh des Schwärmers, kann das Goethesche Gebet, das Gebet des Ungläubigen, sich nicht selber schützen. Es erfaßt zwar den genauen Augenblick der richtigen Zeit, der angenehmen, der Gnadenzeit. Und erst seit es gebetet wird, beginnt die Zeit sich wirklich zu erfüllen. Erst seitdem kommt das Reich Gottes wirklich in ihr. Es ist ja kein Zufall, daß nun zum ersten Mal ernsthaft begonnen wurde, die Forderungen des Gottesreichs zu Zeitforderungen zu machen. Erst seitdem wurden alle jene großen Befreiungswerke unternommen, die, so wenig sie an sich schon das Reich Gottes ausmachen, doch die notwendigen Vorbedingungen seines Kommens sind. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wurden aus Herz-worten des Glaubens zu Schlag-worten der Zeit und mit Blut und Tränen, mit Haß und eifervoller Leidenschaft in die träge Welt hineingekämpft in ungeendeten Kämpfen.
Solange die alte Petruskirche allein war, wuchs bloß der Raum – hin in alle Welt
. Nur am Wachstum des
Raums war der Zeigerstand der Zeit abzulesen. So wie Dante, als er im Paradies in der Versammlung der Heiligen nur noch wenige
Sitze leer fand, daraus schließen zu dürfen glaubte, daß das Ende der Welt nun nahe sei, und gar nicht daran dachte, daß
vielleicht das Einnehmen dieser wenigen Sitze länger dauern könnte als das der vielen bisher, so war die Kirche gewöhnt, das
Wachstum des Reichs gewissermaßen an der Missionslandkarte abzulesen. Gegen solche Verbreitung der Zeit ins
Räumliche stellte die paulinische Epoche die Versenkung der Zeit in sich selber dar; sie blieb nun gewissermaßen stehen, in
jedem Menschen, der glaubte. Wie denn wirklich die Pauluskirche die räumliche Ausbreitung des Glaubens, an der die Zeit – denn
ohne Zifferblatt keine Uhr – allein abgelesen werden konnte, einfach vergaß. Erst die johanneische Welt schuf im Gebet an das
Schicksal wirklich eine lebendige Zeit, einen in sich selber fließenden Strom, der den einzelnen Augenblick, statt in ihm
weggeschlürft zu werden, vielmehr auf seinem Rücken ozeanwärts trägt und die Breite des Raums, statt in ihr
auseinanderzulaufen und zu versickern, vielmehr in tausend Verzweigungen durchströmt und bewässert.
In diesem Fluß der lebendigen Zeit ist die Zeitlichkeit des Lebens vollendet. Ginge das Leben ganz in dieser seiner Zeitlichkeit auf, wäre also das Gebet an das Schicksal sein höchstes und ganzes Gebet, so würde das Kommen des Reichs durch dieses Gebet, das ja stets den richtigen Augenblick trifft und also stets der Erfüllung gewiß sein kann, nicht bloß weder beschleunigt noch verzögert, sondern – wohlgemerkt: wenn es möglich wäre, jenes Gebet als einziges zu beten – gradezu stillgelegt. Von dem kurzen unnachahmlichen Augenblick aus, wo es so scheinen konnte, als ob wirklich hier dies geschöpfliche Gebet für sich allein gebetet werden dürfte, von dem Leben Goethes, diesem seligsten Menschenleben her gesehen, scheint ja wirklich die Zeit stillzustehen, und aus der Stadt Gottes dringt wie aus einem versunkenen Vineta nur ein leises Nachhallen verklungener Glocken an die Oberfläche des Lebens. Aber Zeitlichkeit ist nicht Ewigkeit. Das rein zeitlich lebendige Leben Goethes, des lebendigsten der Menschenkinder, war schon in der reinen Zeitlichkeit nur ein einziger, nur mit Lebensgefahr nachzumachender Augenblick. Das Zeitliche braucht den Halt des Ewigen. Aber freilich: ehe nicht das Leben ganz zeitlich oder, anders gesagt, die Zeit ganz lebendig, ganz wirklicher, durch den weiten Raum hindurch über die Klippe des Augenblicks hinweg strömender Strom geworden ist, eher kann die Ewigkeit nicht über sie kommen. Das Leben, und alles Leben, muß ganz zeitlich, ganz lebendig geworden sein, ehe es ewiges Leben werden kann. Zur genauen Zeitlichkeit des reinen Lebens, das immer genau an der rechten Stelle der Zeit ist, immer grade recht kommt, nicht zu früh und nicht zu spät, muß eine beschleunigende Kraft hinzutreten.
Die Ewigkeit muß nämlich beschleunigt werden, sie muß stets heute
schon kommen können; nur dadurch ist
sie Ewigkeit. Wenn es keine solche Kraft, kein solches Gebet gibt, welches das Kommen des Reichs beschleunigen kann, so kommt
es nicht in Ewigkeit, sondern – in Ewigkeit nicht. Welches Gebet also beschleunigt das Kommen des Reichs in Wahrheit und nicht
etwa bloß im ohnmächtigen und tyrannisch gewaltsam doch nur das Gegenteil des eigenen Wunsches bewirkenden Gebet des
Schwärmers? Wie, wo und wann wird das Gebet dessen gebetet, auf das zwar die Götter stumm bleiben mögen, dem aber Gott Antwort
geben muß: das Gebet dessen, der die Andacht des Ungläubigen vor dem reinen Leben ergänzt zur Bitte um das ewige Leben, – das
Gebet des Gläubigen?
Diese positive Beschleunigung kann nun nach allem, was wir jetzt wissen, nur auf eine Weise geschehen: es muß das Reich vorweggenommen werden und zwar nicht bloß in der persönlichen Erleuchtung, in der die Ewigkeit zwar sichtbar wird, aber nicht greifbar nah kommt; nah, nächst, als Nächstes wurde in der Erleuchtung des Schwärmers beschienen irgend eine Station auf seinem persönlichen Wege zum Ewigen, und indem er seine ganzen magischen Liebeskräfte an die Erreichung dieses scheinbar Nächsten, in Wahrheit übernächsten setzte, vergeudete er seine Kräfte ins Leere und wurde aus einem gewaltigen Beschleuniger ein Verzögerer der Zukunft. Solcher persönlichen Tyrannisierung des Himmelreichs setzt sich unmittelbar entgegen das, was wir hier suchen. Das Gebet des Gläubigen darf unmöglich bloß im guten Willen stecken bleiben. Wie es Ergänzung ist zu dem von ihm schon vorausgesetzten Gebet des Ungläubigen, das stets zu seiner Zeit, weil stets zur angenehmen Zeit des Schöpfers kommt, und wie es wirksam ist nur als solche Ergänzung, so ist, daß es weder zu früh noch zu spät komme, das mindeste, was von ihm verlangt werden muß.
Aber es ist mehr von ihm zu verlangen, nämlich daß es wirklich erreiche, was das Gebet des Ungläubigen nicht erreichen will und das des Schwärmers nicht erreichen kann: die Zukunft zu beschleunigen, die Ewigkeit zum Nächsten, zum Heute zu machen. Solche Vorwegnahme der Zukunft in den Augenblick müßte eine richtige Umschaffung der Ewigkeit in ein Heute sein. Wie sähe ein solches Heute aus? Vor allem dürfte es wohl nicht vergehen; denn wenn wir sonst nichts von Ewigkeit wissen, dies ist sicher: daß sie das Un-vergängliche ist. Dieser Bestimmung durch ein unendliches Nun muß also das zur Ewigkeit geschaffene Heute zuvörderst entsprechen. Ein unvergängliches Heute – aber ist es nicht wie jeder Augenblick pfeilschnell verflogen? und soll nun unvergänglich sein? Da bleibt nur ein Ausweg: der Augenblick, den wir suchen, muß, indem er verflogen ist, im gleichen Augenblick schon wieder beginnen, im Versinken muß er schon wieder anheben; sein Vergehen muß zugleich ein Wiederangehen sein.
Dazu genügt es nicht, daß er immer neu kommt. Er darf nicht neu kommen, er muß wiederkommen. Es muß
wirklich der gleiche Augenblick sein. Die bloße Unerschöpflichkeit des Gebärens ändert nichts an der Vergänglichkeit der Welt,
ja mehrt sie noch. So muß dieser Augenblick mehr zu seinem Inhalt haben als den bloßen Augenblick. Der
Augen-blick
zeigt dem Auge, so oft es sich öffnet, immer Neues. Das Neue, das wir suchen, muß ein Nunc stans sein, kein verfliegender
also, sondern ein stehender
Augenblick. Ein solches stehendes Jetzt heißt man zum Unterschied vom Augenblick: Stunde. Die
Stunde, weil sie stehend ist, kann in sich selber schon die Vielfältigkeit des Alten und Neuen, den Reichtum der Augenblicke
haben; ihr Ende kann wieder in ihren Anfang münden, weil sie eine Mitte, nein viele Augenblicke der Mitte zwischen ihrem
Anfang und ihrem Ende hat. Mit Anfang, Mitte und Ende kann sie werden, was die bloße Abfolge einzelner immer neuer Augenblicke
nie werden kann: ein in sich zurücklaufender Kreis. Nun kann sie in sich selber reich an Augenblicken und doch immer wieder
sich selber gleich sein. Indem eine Stunde herum ist, beginnt nicht bloß eine neue
Stunde, wie ein neuer Augenblick den
alten ablöst, sondern es beginnt wieder eine
Stunde. Dies Wiederbeginnen aber wäre der Stunde nicht möglich, wenn sie bloß
eine Folge von Augenblicken wäre, wie sie es in ihrer Mitte ja wirklich ist, sondern nur weil sie Anfang und Ende hat. Nur der
Glockenschlag, nicht das Ticken des Pendels stiftet die Stunde. Denn die Stunde ist ganz menschliche
Stiftung. Die Schöpfung weiß nichts von ihr; erst in der Welt der Erlösung beginnen Glocken sie zu schlagen. Erst da beginnt
sich auch das Wort für Stunde von den Worten für Zeit, Zeitabschnitt loszulösen, mit denen es vorher eins war.
In der Stunde also wird ein Augenblick zum stets, wenn er vergehen sollte, wieder neu Angehenden und
also Unvergänglichen, zum Nunc stans, zur Ewigkeit umgeschaffen. Und nach dem Bild der selbstgestifteten Stunde, in welcher
der Mensch sich von der Vergänglichkeit des Augenblicks erlöst, schafft er nun die Zeiten um, welche die Schöpfung seinem
Leben gesetzt hat. Auch Tag und Jahr, auch Woche und Monat werden nun aus
Sonnen- und
Mondzeiten zu Stunden des menschlichen Lebens. Auch sie erhalten nun ihren
Anfang und
ihr Ende, und ein Ende, das unmittelbar wieder zum Anfang wird. Nicht die Kreise, welche die beiden Lichter, das große und das
kleine, am Himmel beschreiben, machen sie zu Zeitweisern für den Menschen; der Kreis allein ohne den festen Punkt des
Anfangs
und Endes wäre noch nichts als die bloße Folge der Augenblicke; erst durch die Festlegung jenes Punktes, das Fest, wird die
Wiederholung, die im Durchlaufen der Kreisbahn geschieht, wahrnehmbar. Nicht der himmlische Kreislauf, sondern die irdische
Wiederholung macht diese Zeiten zu Stunden, zu Bürgen der Ewigkeit in der Zeit. Was Gott dem Vater des neuen
Menschengeschlechts versprach, als er den ersten und allgemeinsten Grund seines Bundes mit dieser Menschheit legte, – es solle
nicht aufhören der Wechsel von Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht –, das erst, die immer neue
Wiederholung, macht die Himmelszeiten zu Stunden
: die kleinste, die wir am Himmel ablesen können, durch Wachen und Schlafen,
die größte durch Saat und Ernte. Denn die noch größeren Zeiten als das Jahr der Sonne sind keine Zeiten mehr, die den immer
wiederholten Wechsel der Erdarbeit und des menschlichen Lebens fühlbar bestimmen. Im täglich und jährlich immer wiederholten
Dienst der Erde spürt der Mensch in der Gemeinschaft der Menschen seine irdische Ewigkeit; in der Gemeinschaft – nicht als
Einzelner; als Einzelner spürt er sie stärker in dem Wechsel der Alter und im Kreislauf von Gattung und Geburt.
Zwischen Tag und Jahr ist die Woche gesetzt, am Himmel begründet durch den Lauf des Mondes, doch längst
von ihm gelöst, selbst dort wo der Wechsel des Monds noch die Messung der Zeiten bestimmt, und so zu einer eigenen rein
menschlichen Zeit geworden. Und rein menschlich, ohne Grund in der Schöpfungswelt, wie er beim Tag im Wechsel von Wachen und
Schlafen, beim Jahr im Wechsel von Saat und Ernte
vor-lag,
von der Schrift deshalb nur als Gleichnis des Werks der Schöpfung selber erklärt, ist der Wechsel, der dem Menschen die Woche
zum nunc stans macht, gesetzt als Wechsel von Werk- und Ruhetag, Arbeit und Beschaulichkeit. So ist die Woche mit ihrem
Ruhetag das rechte Zeichen der menschlichen Freiheit, für welches sie denn auch die Schrift erklärt, da wo sie nicht den
Grund, sondern den Zweck sagt. Sie ist die wahre Stunde
unter den Zeiten des gemeinsamen menschlichen Lebens, für den
Menschen allein gesetzt, freigeworden vom Weltlauf der Erde und doch ganz und gar Gesetz für die Erde und die wechselnden
Zeiten ihres Dienstes. Den Dienst der Erde, die Arbeit der Kultur
soll sie rhythmisch regeln und so im kleinen, in der immer
wiederholten Gegenwart, das Ewige, darin Anfang und Ende zusammenkommen, im Heute das Unvergängliche abbilden. In ihr als dem
vom Menschen und für den Menschen frei gesetzten Gesetz der Kultur der Erde ist das Ewige bloß abgebildet, bloß als irdische
Ewigkeit. Aber nicht umsonst ist das Wort für Kultur und Kult, Erddienst und Gottesdienst, Bau des Ackers und Bau des Reichs
in der heiligen Sprache ein und dasselbe. Die Woche ist mehr, als was sie als menschgesetztes Gesetz der Kultur ist: irdisches
Gleichnis des Ewigen; als gottgesetztes Gesetz des Kults zieht sie das Ewige nicht bloß gleichnishaft, sondern in Wirklichkeit
hinein ins Heute. Sie kann Keimzelle des Kults sein, weil sie die erste reife Frucht der Kultur ist. Weil sie die rein
menschlich-irdische Befestigung des flüchtigen Augenblicks ist, deshalb geht von ihr alle göttlich-überirdische Verewigung des
Augenblicks aus. Von ihr aus werden dann auch der Tag, auch das Jahr Menschenstunden, zeitliche Behausungen, in die das Ewige
eingeladen wird. In der alltäglich-allwöchentlich-alljährlichen Wiederholung der Kreise des kultischen Gebets macht der Glaube
den Augenblick zur Stunde
, die Zeit aufnahmebereit für die Ewigkeit; und diese, indem sie Aufnahme in der Zeit findet, wird
selber – wie Zeit.
Wie aber wohnt denn im Gebet diese Kraft, zu erzwingen, daß die Ewigkeit der Einladung Folge leistet? Ist denn der Kult mehr als bloß ein Zurüsten der Speisen und Getränke, ein Decken des Tischs, ein Aussenden des Boten, der den Gast bitten soll? Wohl verstehen wir, daß die Ewigkeit im Kult Zeit werden kann, aber daß sie es werden muß, daß sie mit magischer Gewalt genötigt ist, es zu werden – wie sollen wir das verstehen? Auch der Kult scheint nur das Haus zu bauen, worin Gott Wohnung nehmen mag, aber kann er den hohen Gast wirklich nötigen, einzuziehen? Ja, er kanns. Denn die Zeit, die er bereitet zum Besuch der Ewigkeit, ist nicht die Zeit des Einzelnen, nicht meine, deine, seine geheime Zeit; sie ist die Zeit Aller. Tag, Woche, Jahr gehören allen gemeinsam, sind gegründet im Weltlauf der alle geduldig tragenden Erde und im Gesetz der allen gemeinsamen Arbeit an ihr. Der Glockenschlag der Stunden kommt zu jedem Ohr. Die Zeiten, die der Kult bereitet, sind keinem eigen ohne alle andern. Das Gebet des Gläubigen geschieht inmitten der gläubigen Gemeinde. In Versammlungen lobt er den Herrn. Die Erleuchtung, die dem Einzelnen wird, – hier kann sie keine andre sein als die, welche allen andern auch geschehen kann. In der Erleuchtung nun also, da sie allen gemeinsam sein soll, soll allen das Gleiche erleuchtet werden. Dies für alle Gemeinsame, über alle Standpunkte der Einzelnen und die durch die Verschiedenheit dieser Standpunkte bedingte Verschiedenheit der Perspektive hinaus, kann aber nur eines sein: das Ende aller Dinge, die letzten Dinge. Alles was auf dem Wege liegt, würde sich jedem nach dem Ort, wo er steht, anders darstellen, alle Tage haben für jeden nach dem Tag, den er lebt, verschiedenen Inhalt; nur das Ende der Tage ist allen gemeinsam. Der Scheinwerfer des Gebets erleuchtet jedem nur, was er allen erleuchtet: nur das Fernste, das Reich.
Alles, was davor liegt, bleibt im Dunkel; das Reich Gottes ist das Nächste. Indem so der sonst in der Ferne der Ewigkeit aufleuchtende Stern hier als das Nächste erscheint, wendet sich die ganze Liebeskraft ihm zu und zieht sein Licht mit zaubrischer Gewalt durch die Nacht der Zukunft hinein ins Heute der betenden Gemeinde. Das kultische Gebet, das alles an die eine Bitte um das Kommen des Reichs setzt und zu dem alle andern sonst näheren Bitten nur um dieser einen willen beiläufig mitgebetet werden, erzwingt, indem es der Liebe das Ewige als das Nächste zeigt und so die unwiderstehliche Kraft der Liebe des Nächsten auf es losläßt, das erlösende Kommen des Ewigen in die Zeit. Gott kann nicht anders, er muß der Einladung folgen. Das Gebet des Gläubigen, weil es in der Versammlung der Gläubigen geschieht, ergänzt das Gebet des Ungläubigen, das stets Gebet des Einzelnen sein muß.
Nur um die Gunst des eigenen Schicksals konnte der Ungläubige bitten, nur darum, das Tagwerk seiner
Hände vollenden zu dürfen. Nur das Mehr-als-Nächste, das Eigene, wurde seiner Liebe durch sein Gebet erleuchtet; der
Scheinwerfer warf seinen Schein in den Kreis des Eigenen, dessen Grenzen sich freilich, anders als beim Sünder wo sie eng und
starr blieben, aus dem engen Hier zur Ewigkeit erweiterten. Den Mehr-als-Nächsten, sein Selbst, lernte der Beter, also betend,
lieben; sein Selbst nicht als verschlossenes
starres
Selbst, sondern als die in das Schicksal der Welt mit dem eignen Schicksal eingewobene Persönlichkeit. Betete er nicht um
dieses Vollendendürfen des Tagwerks seiner Hände, – es würde ihm wohl erfüllt, worum er bittet, denn er bittet nur um das, was
ihm reif zur Erfüllung ist, und jedem andern würde gleichfalls das Seine erfüllt, aber aus all diesen einzelnen Erfüllungen
wüchse nicht die ewige Erfüllung; aus allem einzelnen Leben nicht das ewige Leben; es ist dafür gesorgt, daß bei allem
Wachstum durch die Zeit der Baum des Lebens nicht in den Himmel wachse. Aber das Gebet der Gemeinde, nicht zum eignen
Schicksal, sondern unmittelbar zum Ewigen, der das Werk nicht meiner und deiner und seiner, sondern unserer
Hände fördern
möge, auf daß Er, nicht auf daß ichs vollende
, – dies Gebet, das über alles Einzelne hinweg auf das Allgemeinsame und nur auf
es schaut, reißt das Ewige mit starkem Griff herein in den Augenblick und beschenkt das einzelne, in diesem Augenblick im
ungläubigen Gebet ganz lebendig gewordene Stück Leben mit dem herabgeholten Funken des ewigen Lichts, der in ihm bleibt als
Same ewigen Lebens.
Das Gebet um das Kommen des Reichs vermittelt also zwischen Offenbarung und Erlösung, oder richtiger zwischen
Schöpfung und Offenbarung einerseits und Erlösung andrerseits, ähnlich wie das Wunderzeichen zwischen
Schöpfung und Offenbarung. Und wie dies Verhältnis innerhalb der Welt der Offenbarung zugleich auch das Verhältnis der
urgeschaffenen Vorwelt zur offenbaren Welt umschrieb, so nun auch das dieser offenbaren Welt einerseits; einschließlich der ja
eben durch das Wunder in sie eingegangener Vorwelt, zur erlösten Überwelt. Das Gebet ist die Kraft, die über die Schwelle
aus
dem stummgeschaffnen Geheimnis des Eigenwachstums des Lebens und dem sprachbegabten Wunder der Liebe hinanträgt zur schweigenden
Erleuchtung des voll erfüllenden Endes. So wird die Liturgik für diesen dritten Teil eine ähnliche Organonstellung einnehmen wie
für den ersten die Mathematik, für den zweiten die Grammatik. Allerdings wird das Verhältnis zwischen dem Organon und dem kraft
ihm zu erkennenden Sein hier ein anderes sein müssen als es für Mathematik und Grammatik war, wie ja auch diese beiden schon in
verschiedenem Verhältnis zu dem von ihnen her zu Erkennenden standen.
Die mathematischen Symbole waren wirklich nur Symbole gewesen; sie waren das Geheimnis im Geheimnis, stumme
Schlüssel, die im Innern dieses Schreins der Urwelt selber in einem Geheimfach aufbewahrt wurden; sie staken in und hinter den
Dingen und galten dieser urgeschaffenen Welt selber wieder für etwas Vergangenes, apriorische
Erbstücke einer Vorschöpfung. Die
Formen der Grammatik hingegen sprechen das Wunder unmittelbar aus, sie stecken nicht mehr in irgend einem geheimnisvollen
Hintergrund der ihnen angehörigen Welt, sondern sie sind ganz eins mit ihr; sie sind innerhalb des Wunders selber wieder das
Wunder, offenbare Zeichen einer offenbaren Welt. Sie sind ihrer Welt genau gleichzeitig; wo sie ist, da ist auch die Sprache, die
Welt ist nie ohne das Wort, ja sie ist nur im Wort, und ohne das Wort wäre sie selber auch nicht. Die Gestalten der Liturgik aber
besitzen diese Gleichzeitigkeit zu dem in ihnen zu Erkennenden nicht; sie nehmen ja vorweg; es ist ein Zukünftiges, das sie zum
Heute machen. So sind sie nicht Schlüssel und nicht Mund ihrer Welt, sondern Vertreter. Sie vertreten die erlöste Überwelt dem
Erkennen; das Erkennen erkennt nur sie; es sieht nicht über sie hinaus; das Ewige verbirgt sich hinter ihnen. Sie sind das Licht,
in welchem wir das Licht schauen, stille Vorwegnahme einer im Schweigen der Zukunft leuchtenden Welt.
Die Vorwelt enthielt nur die stummen Elemente, aus denen sich die Bahn des Sterns aufbaute; die Bahn selber war eine Wirklichkeit, aber in keinem Augenblick mit Augen zu erblicken; denn der Stern, der die Bahn läuft, steht keines Augenblicks Dauer still. Mit dem Auge erblickt kann nur werden, was mehr als eines Augenblicks Dauer hat; erst der durch seine Verewigung stillgelegte Augenblick erlaubt den Augen, die Gestalt in ihm zu erblicken. Die Gestalt ist also das mehr als Elementare, mehr als Wirkliche, das unmittelbar Anschauliche. Solange wir nur Bahnelemente und Bahngesetz eines Sterns kennen, haben ihn unsre Augen noch nicht gesehn; er ist bloß ein materieller Punkt, der sich im Raume bewegt. Erst wenn ihn Fernrohr und Spektralapparat uns heranholen, kennen wir ihn, wie wir ein Gerät unsres Gebrauchs, ein Bild in unserm Zimmer kennen: in vertrauter Anschauung. Erst im Anschaulichen vollendet sich die Tatsächlichkeit; da hört man nichts mehr von Sache noch von Tat.
Was angeschaut werden kann, ist der Sprache überhoben, über sie hinausgehoben. Das Licht redet nicht, es
leuchtet. Es verschließt sich mit nichten etwa in sich selbst; es strahlt ja nicht nach innen, sondern nach außen. Aber sein
Ausstrahlen ist auch nicht ein Sichselberpreisgeben, wie es die Sprache ist; das Licht verschenkt, veräußert sich nicht wie die
Sprache, wenn sie sich äußert, sondern es ist sichtbar, indem es ganz bei sich selber bleibt; es strahlt eigentlich nicht aus, es
strahlt nur auf; es strahlt nicht wie ein Brunnen, sondern wie ein Antlitz, wie ein Auge strahlt, das beredt wird ohne daß sich
die Lippen zu öffnen brauchen. Hier ist ein Schweigen, das nicht wie die Stummheit der Vorwelt noch keine Worte hat, sondern das
des Worts nicht mehr bedarf. Es ist das Schweigen des vollendeten Verstehens. Ein Blick sagt da alles. Daß die Welt unerlöst ist,
nichts lehrt es deutlicher als die Vielzahl der Sprachen. Zwischen Menschen, die eine gemeinsame Sprache sprechen, genügt wohl
ein Blick, um sich zu verständigen; sie sind, grade weil sie eine gemeinsame Sprache haben, der Sprache überhoben. Aber zwischen
verschiedenen Sprachen vermittelt nur das stammelnde Wort, und die Gebärde hört auf, unmittelbare Verständigung zu sein, wie sie
es im stummen Blick des Auges war, und wird zerstört zum Stammeln der Gebärdensprache, dieser kümmerlichen Notbrücke der Verständigung. Daher kommt es, daß das Höchste der Liturgie nicht das gemeinsame Wort ist, sondern die
gemeinsame Gebärde. Die Liturgie erlöst die Gebärde von der Fessel, unbeholfne Dienerin der Sprache zu sein, und macht sie zu
einem Mehr als Sprache. In der liturgischen Gebärde allein ist die geläuterte Lippe
vorweggenommen, die den allzeit
sprachgeschiedenen Völkern für jenen Tag
verheißen ist. In ihr wird die karge Stummheit der ungläubigen Glieder beredt, die
überfließende Redseligkeit des gläubigen Herzens stille. Unglaube und Glaube vereinen ihr Gebet.
Sie vereinen es im Schweigen der liturgischen Gebärde – vereinen sie es nie im weltlichen Wort? Gibt es kein lebendiges Werk – und sei es auch bloß ein einzelnes, bloß ein Zeugnis der Zusammengehörigkeit –, worin die beiden Gebete, das des Mannes des Lebens und das des Manns Gottes, sich in eins fügen? Erinnern wir uns, was wir in der Einleitung des vorigen Teils über Theologie und Philosophie sagten. Sie erschienen uns wechselweise auf einander angewiesen. Das war eine Wechselbedürftigkeit zweier Wissenschaften. Ist es nicht mehr? Wer Wissenschaft treibt, ist ja mehr als das, was er treibt. Der Philosoph muß mehr sein als die Philosophie. Wir hörten: er muß Mensch sein, Fleisch und Blut. Aber es genügt nicht, daß er das bloß ist. Er muß als Fleisch und Blut, das er ist, das Gebet der Geschöpfe beten, das Gebet zum eigenen Schicksal, worin eben das Geschöpf sich ungewußt als Geschöpf bekennt. Die Weisheit, die in ihm, in seinem Fleisch und Blut wohnt, – Gott hat sie ihm anerschaffen; als reife Frucht hängt sie nun am Baum des Lebens. Und der Theolog muß mehr sein als Theologie. Wir hörten: er muß wahrhaftig sein, er muß Gott lieben. Und es genügt nicht, daß er es für sich in seinem Kämmerlein tut. Er muß als einsamer Liebender, der er ist, das Gebet der Kinder Gottes sprechen, das Gebet der gottesfürchtigen Gemeinde, worin er sich bewußt als Glied ihres unsterblichen Leibes bekennt. Die Weisheit, die in ihm, in seinem ehrfürchtigen Herzen wohnt, – Gott hat sie in der Offenbarung seiner Liebe in ihm erweckt; als zündender Funke vom ewigen Licht fährt sie nun aus seinem Munde, der bereit ist, Gott in Versammlungen zu preisen.
Die göttliche Wahrheit verbirgt sich dem, der nur mit einer Hand nach ihr langt, einerlei ob diese langende Hand die der sich voraussetzungslos wähnenden, über den Dingen schwebenden Sachlichkeit des Philosophen ist, oder die der erlebnisstolz sich vor der Welt verschließenden Blindheit des Theologen. Sie will mit beiden Händen angefleht werden. Wer sie mit dem doppelten Gebet des Gläubigen und des Ungläubigen anruft, dem wird sie sich nicht versagen. Gott gibt von seiner Weisheit diesem wie jenem, dem Glauben wie dem Unglauben, aber beiden nur, wenn ihr Gebet vereint vor ihn kommt. Es ist der gleiche Mensch, der doch mit zwiefältiger Bitte kommt und mit zwiefachem Dank, ungläubiges Welt- und gläubiges Gotteskind in einem, treten muß vor Ihn, der von seiner Weisheit verschenkt so an Fleisch und Blut wie denen die ihn fürchten.
- Rechteinhaber*in
- Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
- Zitationsvorschlag für dieses Objekt
- TextGrid Repository (2026). Books. 3.1_EINLEITUNG. The Star and its Universe: Franz Rosenzweig between Past and Future. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. https://hdl.handle.net/21.11113/40zz1.10