[229] Lebenslauf Jeremias Bunkels, des alten Thorschreibers

Ich bin geboren Anno Eins,
Laut meiner Mutter Sage,
In einem Dorf unweit des Rheins,
Am Sanct Egidytage.
Man trug mich Wicht ins Gotteshaus,
Und tauft' und trieb den Teufel aus;
Doch hats nicht viel geholfen.
So tief ich mich erinnern kann,
Der Kappe kaum entwachsen;
Fing ich mit Meister Backeln an
Mich im Donat zu baxen,
Und conjugierte, ach und weh,
Rasch Vapulo und Typtomäh,
Mit vielen Circumflexen.
[230]
Mein Vater, Pastor Loci, war
Ein Mann trotz Martin Luthern;
Hielt auf die Lehre rein und klar,
Und lehrte fest mit Huttern;
Und als ein echter Orthodox
Ergriff er den Beweis des Stocks,
Wenn die Vernunft mich plagte.
Er fluchte oft gar fürchterlich
Den Höllenspinozisten,
Und lamentirte jämmerlich
Ob dem Verfall der Christen;
Daher er denn auch Jeremies
Mich erste Frucht der Lenden hieß,
In der Manier der Bibel.
Mit einem Kober voll Latein
Schickt' er mich fort ins Weite,
Und band mir auf die Seele ein,
Nicht laß zu seyn im Streite.
Deß war ich denn nicht wenig froh,
Und ging in dulci jubilo
Mit Briefen auf die Schule.
[231]
Mi fili, sprach der Schulpapa,
Diaboli per mundum
Grassatur pestis, omnia
Ruerunt in profundum.
Cavendum est, ne ratio,
De qua nunc gloriatio,
Nos male perdat omnes.
Jam quodvis caput pruriens,
Superbia vesanum,
Incedit nouaturiens;
Sed odimus profanum,
Profanum vulgus odimus!
So ging es fort in Einem Fluß,
Als ob ein Waldstrom rauschte.
Hier wurd' uns denn Virgilius
Gar fleißig eingetrichtert,
Und auch wohl eins nach seinem Fuß,
Gott sey bey uns, gedichtert;
Doch war der Rector nicht dabey,
So las ich Naso's Liebeley
Statt der Metamorphosen.
[232]
Der Plato wurde pyx käh lax
Mit Hebelkraft getrieben,
Und mächtig manchem Peter Blax
Mit Knoten eingerieben.
Das war Rumoren spät und früh;
Noch fühl' ich in den Fingern die
Aphthonianschen Chrien.
Auch gings von Kal bis Hithpael,
Erlös' uns von dem Übel!
Als preßten wir des Lebens Öhl
Von Wurzeln aus der Bibel;
Und über dem Entwurzeln sah,
Vor lauter Weisheit, bald beynah
Mein Kopf tohuhvabohuh.
Ich konnte mit der Höllenfahrt
Mich nicht recht baß vertragen;
Auch fuhr mir manches in den Bart,
Und klebte fest am Kragen:
Darob gesegnete ich die
Hochheilige Theologie
Und schlug mich zu den Layen.
[233]
Man weiß, die Leute baxten sich
Von Kadix bis zum Rheine
So eben damahls fürchterlich,
Als wären Menschen Steine.
Mein Vater war im Kriegstumult,
Vor Kummer und vor Ungeduld,
Gott tröst' ihn dort! gestorben.
Nun sing mich Sanct Justinian
Mit Kodex und Pandecten
Nicht minder stark zu hudeln an,
Und alle Seiten heckten
Mir Zweifel über Zweifel aus:
Drob ward mir oft das Hirn so kraus,
Daß ich sehr schwer ergrimmte.
Die Regel Detri hatte mich
Gerechtigkeit gelehret,
Und überüberall fand ich
Das Ding nun umgekehret.
Vorzüglich wars jus publicum
So mißgestalt und witsch und dumm,
Als schrieben es die Mönche.
[234]
Ich hatte leider dann und wann
Ein Fünkchen Licht bekommen,
Weil heimlich mich ein Engelsmann
Scharf in die Cur genommen:
Da sah ich denn gar jämmerlich,
Wie Frau Justinianinn mich
Mit ihren Zofen foppte.
Zum Durchbruch kam nun die Vernunft;
Ich zog das Maul, ich Gimpel,
Sprach Conterband vor jeder Zunft;
Da stank der Koth im Dimpel.
Nun saß der Teufel in dem Nest;
Schnell hieß es laut: Hic niger est;
Hunc, fili, tu caveto.
Drauf lief ich, wie ein Don Quischott,
Hinab hinan die Erde,
Bald Kuhschritt und bald Hundetrott,
Auf meines Schusters Pferde:
Und hört' im Trabe links und rechts
Des altbipedischen Geschlechts
Gar schöne Litaneyen.
[235]
Bald war ich Dorfschulmeisterlein,
Bald Held für sieben Dreyer;
Bald sang ich neue Melodeyn
Zu einer alten Leyer;
Bald blies ich Horen von dem Thurm,
Bald war ich Bootsmann in dem Sturm,
Bald Amsterdamer Böhnhas.
Bald lief ich, und bald jagte man
Mich mit dem Interdicte;
Weil ich mich fast in jeden Plan
Wie Stock ins Auge schickte.
So wurd' ich immer fort geknufft.
Gut ist er! sprach man; wenn der Schuft
Nur nicht so räsonnirte.
Vorzüglich sprach ich rund und keck
Mit Narren und mit Schurken;
Dafür bekam ich Mäusedr ...
Statt Pfeffer in die Gurken.
Ich sagte stets nur, Kahn sey Kahn,
Und das fuhr manchem Dummrian,
Mit Ehren, in die Nase.
[236]
So lange mans mit Fäusten greift,
Gehts immer noch erklecklich;
Doch wenn man mit dem Kopfe läuft,
Wird euch der Lauf gar schrecklich.
Drum rath' ich, jeder brave Tropf
Soll, so viel möglich, ohne Kopf
Am Fädchen weiter schlendern.
So lang' ich mich mit Prinz Eugen
Und Friedrich tummeln konnte,
Und närrisch mich gar wunderschön
An ihren Lorbern sonnte;
So lange gings wohl immer gut;
Doch nach und nach gerinnt das Blut,
Und morsch wird jeder Knochen.
Man wird so sauber und so fein
Nicht durch die Welt getragen.
Hier wurd' ein Arm und dort ein Bein
Mir in der Schlacht zerschlagen:
Und hats der Feldscher gleich geflickt,
Mit jedem großen Horne drückt
Das Flickwerk mich verteufelt.
[237]
Die Hand wird schwach, der Fuß wird Eis.
Der Bart ist Schnee am Kropfe,
Das Haar ist um den Schedel weiß,
Der Schnupfen haust im Kopfe,
Sonst neckt' ich kühnlich manchen Duns;
Nun sitz' ich hier, Gott sey bey uns,
Als Zöllner und als Sünder.
Hätt' ich geglaubt und nie gedacht,
Könnt' ich jetzt stattlich lungern,
So weit hat mich Vernunft gebracht!
Mit ihr kann man verhungern.
Dafür, daß ich ihr Ritter war,
Mach' ich nun hier mit grauem Haar
Den Anhang der Akzise.
Noch wirft sich mir der Magen um,
Wenn Paroxismen kommen,
Als hätt' ich ein Emeticum
Nur eben eingenommen,
Du sollst nicht stehlen! tönt es schwer
Und mächtig hoch von oben her:
Denn uns allein gebührt es!
[238]
So bin am Ende von dem Ritt,
Kraft meiner Amtsbekleidung,
Ich denn ein Stück Israelit
Akzise heißt Beschneidung.
Kanonisirt man hier sofort
Gleich den Erfinder, soll doch dort
Der Teufel ihn kasteyen.
Gott, straf mich nicht in deinem Grimm
Für Sünden, die ich thue;
Der Magen ist ein Ungethüm;
Ich brauche Rock und Schuhe.
Es geht nach altem schlechten Fuß;
Ich sündige nur, was ich muß,
Und andern in die Seele.
Noch jetzo regt der Kitzel sich,
Und selber mit der Brille
Auf meiner Pritsche halt' ich mich
Noch nicht gehörig stille.
Noch gährt das alte Cerebrum,
Und meines Herzens Gaudium
Sind Meister Rabners Bücher.
[239]
Doch werd' ich nach und nach mit kalt,
Und fertig abzutrollen,
Und seh vermuthlich jenseit bald,
Wie dort die Dinge rollen.
Herrscht aber dort, wie hier, die Noth,
So schieß' ich mich im Himmel todt;
Dann mag ein Schurke leben.
Ihr Kinder, nehmt für diese Welt
An mir euch ein Exempel;
Sonst werdet ihr wie ich geprellt.
Glaubt fest an Schlag und Stempel,
Wenn ihr das Glück des Lebens liebt,
Auch wenns Ephraimiten gibt;
Und hüthet euch vor Denken.

Der annotierte Datenbestand der Digitalen Bibliothek inklusive Metadaten sowie davon einzeln zugängliche Teile sind eine Abwandlung des Datenbestandes von www.editura.de durch TextGrid und werden unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz (by-Nennung TextGrid, www.editura.de) veröffentlicht. Die Lizenz bezieht sich nicht auf die der Annotation zu Grunde liegenden allgemeinfreien Texte (Siehe auch Punkt 2 der Lizenzbestimmungen).

Lizenzvertrag

Eine vereinfachte Zusammenfassung des rechtsverbindlichen Lizenzvertrages in allgemeinverständlicher Sprache

Hinweise zur Lizenz und zur Digitalen Bibliothek


Rechtsinhaber*in
TextGrid

Zitationsvorschlag für dieses Objekt
TextGrid Repository (2012). Seume, Johann Gottfried. Gedichte. Gedichte. Jeremias Bunkel. Jeremias Bunkel. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0005-0A4D-6