V. Beschwoerung.

Umrauscht von schwarzen Föhren steht Faust gedankenvoll;
Es tobt in seiner Seele ein unnennbarer Groll.
Die Augen flammen blitzend, wie sie noch nie geflammt,
Aus jedem scheint zu lodern das Donnerwort: verdammt.
Es gellt sein Hohngelächter laut auf, wie Wahnwitzschrei:
Gen Himmel er die Faust ballt voll wilder Raserei.
Sein Haar, gepeitscht vom Sturmwind, fliegt ihm ums Haupt verwirrt,
Wie Nachtgeflügelschwinge, die flatternd ihn umschwirrt.
»Ha!« ruft er keuchend, heiser: »Ha, was gewann mein Drang,
Mit dem ich Sterne fragte, Planetenschein und Gang?
Was soll ich mit dem Spielzeug von Elementenkraft?
Was mit der Seifenblase des Hohlprunks: Wissenschaft?«
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»Mehr, mehr! und Niegedachtes, das sei von mir gedacht!
Mehr, mehr! und Nievollbrachtes, das sei von mir vollbracht!
Auf dass ich selbst mich kröne zum Herrn der Geisterburg,
Und dass mein Name töne Jahrhunderte hindurch!«
»Mehr aus des Wissens Schachten! Ja gebt mir mehr, nur mehr!
Muss sonst mich selbst verachten, an Witz und Weisheit leer!
Gebt mir des Adlers Schwingen! Leiht Flossen der Baläu',
Die Wolken zu durchdringen, den Meergrund zu durchspähn!«
»O quölle mir von oben der Born der Wissenschaft!
Der Segen der Erkenntniss, der Höhe Himmelskraft!
O könnt' ich Dich erfassen, Macht, die das All belebt,
Und über todten Massen mit Schöpferodem webt!«
»Und fleh' ich so vergebens inbrünstig Monden lang?
Es hat der Herr des Lebens kein Ohr für meinen Drang!
Ich fühle Flammengluthen in mir und wilden Schmerz!
O Himmel, Urlicht, senkst Du Dich nimmer in mein Herz?«
»Wen ruf ich an? Den Himmel? Der schläft im Wolkenbett,
Dort grinst des Vollmonds Fratze, der Kopf nur vom Skelett!
Wohl, mag der Himmel schlafen, sich kümmern nicht um mich!
Sind Menschen Gottes Sklaven? – Mehr, als ein Sklav' bin ich!«
»Noch eine Gottheit giebt es, tief, tief im nächtgen Graun,
Mit dieser will ich reden, ihr will ich mich vertraun!
Ihr will ich mich verschwören, wenn sie mir Treue schwört!
Ihr will ich angehören, wenn mir die Macht gehört!« –
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Durch die Gebüsche stürmt er, und sucht den rechten Ort,
Wo sich die Pfade kreuzen, und rüstet sich sofort.
Drei Zauberreife legt er, mit Zeichen rings bemalt,
Sie scheinen glüh'nde Schlangen, vom bleichen Mond bestrahlt.
Nun rollen Faustus Augen gluthvoll; er zittert bang –
Nun tritt er in die Kreise – schlägt auf den Höllenzwang.
Die Formel tönt – nun setzt er den Zauberstab in Schwung;
An der Hölle Pforten donnert die Gotteslästerung.
Da saust ihm überm Haupt hin ein Flammenmeteor,
Und birst mit Donnerkrachen, drauf still bleibt's, wie zuvor.
Und wie der Trotz des Mannes, dass er geäfft, erschaut,
Tönt fürchterlichern Bannes Gräulformel grausiglaut.
Da rauschen dumpf die Föhren, wie Meereswogengeroll,
Als bebten sie, zu hören, was seinem Mund entquoll.
Aus tiefem Schlaf gerüttelt rauscht auf der Nachtorkan,
Und bläst den Nekromanten mit Polareisodem an.
Ha, wie er zittert – zürnend dem Zittern Ruh gebeut!
Wie Muth, von Furcht umfangen, sich von der Furcht befreit!
So macht aus Dampf und Trümmern verhaltne Gluth sich frei,
Und schwingt, wie Drachen züngelnd, sich hoch empor aufs Neu.
Sein Busen kocht, als glühe darin der Hölle Brand.
»Weh! Fruchtlos auch die Mühe? – Die Nacht auch abgewandt?
Mein Heil umsonst verschleudert?« – Er denkt's, und heult's und bebt –
Da sieht er, dass ein Schatten um seine Kreise schwebt.
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»So nahst Du? – Willst mir dienen? Zwang Dich des Banns Gewalt?
Erscheine morgen – morgen – Du grausige Gestalt!
Triumph! Es ist gelungen! Sei mein, so bin ich Dein!
Wer Geistern sich verbrüdert, hört auf ein Mensch zu sein.«
Der Schatten winkt und schwindet. – Faust steht gedankenvoll;
Durch seine Seele tobt noch ein unnennbarer Groll.
Die Augen flammen blitzend, wie sie noch nie geflammt,
Aus jedem scheint zu lodern das Donnerwort: verdammt.
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TextGrid Repository (2011). Bechstein, Ludwig. Lyrik. Faustus. Ein Gedicht. 5. Beschwoerung. 5. Beschwoerung. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-24E1-D